Mein derzeitiger Tinder-Status: 47 Matches, mit zwölf davon eine – wie auch immer geartete – Konversation („Hi sweeetieeee“ zählt noch nicht dazu), 15 Likes für den zuletzt hochgeladenen „Moment“, zwei daraus resultierende Dates und die Ortungsfunktion ausgestellt. Denn: Das Ding nervt.

Es gab Momente in den letzten Monaten da bin ich „Ein Match, ein Match und noch ein Match“ jubelnd durch die Küche einer Ferienwohnung geturnt – und meine (Nicht-Single-)Freundinnen schüttelten den Kopf. „Was zum Geier machst du da?“ Ich konnte es ihnen nicht erklären. Ich versuchte es. Sie fanden es amüsant. Aber die Frage nach dem „Warum“ blieb. Mittlerweile muss ich sagen: zu recht.

„Kennen wir uns nicht?“
Tinder und ich – es begann Anfang Mai. Ich wollte in den selbigen tanzen. Mein Arzt verordnete mir jedoch Sofaruhe wegen Antibiotika-Einnahme. Ich schmollte, las Neon, las diesen Artikel über Tinder – und lud mir die App runter. Gruselig – meine Facebook-Bilder, -Freunde und -Interessen in Sekundenbruchteilen gesaugt. Und was, wenn mich hier jemand kennt? Und zack, schon das erste Match. „Hi, kennen wir uns nicht?“ Um Gottes Willen! So was sagt man noch nicht mal im realen Leben! Aber David hatte Recht. Wir kannten uns, war Ewigkeiten her. Ein kurzer Plausch. Nach zehn Minuten war Tinder wieder gelöscht. Schließlich suche ich ja nichts. Auch kein Date mit Kerlen, die ich noch nie gesehen hab. Oh weia – wie spießig das klingt!

Keine 24 Stunden später war Tinder wieder geladen. Eine Freundin war zum Krankenbesuch gekommen. Ihr gestand ich, was ich am Vorabend getan hatte. „Ach komm, das probieren wir nochmal. Das ist voll lustig.“ In der Tat. Wir kugelten uns vor Fremdscham – über Männer, um deren nackten Oberkörper sich gelbe Schlangen schlängelten, die sich Socken in Unterhosen steckten und vor tiefergelegten Karren posierten.

Frust!
Tinder war irritierend und faszinierend zugleich. So herrlich oberflächlich – wie der schweifende Blick in einer Bar, nur dass hier niemand etwas merkt, solange er nicht selbst mit einem Wisch nach rechts „Ja“ sagt. Like, like, nope, nope. Mein Daumen bewegte sich deutlich häufiger nach links. Nach wenigen Tagen war ich abhängig. Überall und jederzeit wurde getindert: kurz nach dem Aufwachen, auf dem Klo, in langweiligen Konferenzen. Größter Spaß: tindern auf Reisen. Besonders empfehlenswert: Hauptstädte, kaum verwunderlich. Wenn sich kein Nachschub in der Umgebung befand, wurde ich ungehalten.

Überhaupt sorgt Tinder für viel Frust. Matches gibt es zu genüge. Gespräche gelegentlich – wenn, wenig zielführend. Oder zu sehr. Entweder belangloses Blabla oder gleich: „Komm zur Sache, Baby, aber bitte nur verbal.“

Das Schweigen der Männer
Und: Wie im echten Leben auch – Männer schweigen gern. Entweder kommt nur ein „Hi/Hallo/Wie geht’s“ oder Funkstille nach dem „Bing. You’ve got a match.“ Also: Frau macht den ersten Schritt. Eine witzige, kreative Gesprächseröffnung ist ein Garant. Aber dann … Sobald sich die Konversation auf ein mögliches Treffen zubewegt, wird gern gekniffen. Bin ich zu trottelig? Zu anspruchsvoll? Zu naiv? Nach sechs, sieben Wochen ohne Dateoption, hätte ich mich um ein Haar mal nachts um halb eins in einem Nobelhotel mit einem französischen Filmproduzenten getroffen, der natürlich nur in dieser Nacht in der Stadt war. Mein Verstand war glücklicherweise rechtzeitig wieder auf der Höhe.

Mein Hund, mein Surfbrett, mein Kind
Tinder kann aber auch Amüsement pur sein, wenn man erstmal begriffen hat, dass es mehr Spiel als Suche ist. Ja, es ist wenig tiefgründig, so unverbindlich wie ein Flirt am Kneipentresen. Ja, es geht nur um Optik. Aber geht es das beim Ausgehen nicht auch? Männer, die was auf sich halten, haben jeweils ein Bild vom Kiten, vom Snowboarden (wahlweise Skaten) und ein Selfie im Auto oder vor dem Spiegel drin. Mein Hund, mein Sport, meine Strandfigur, mein Kind. Höchst irritierend: Bekannte zu sehen, die vergeben oder verheiratet sind. Was zum Geier …? Dann legt euch doch bitte wenigstens ein Fake-Profil an, wie so viele.

Und dann verlor Tinder an Faszination, so urplötzlich wie sie gekommen war. „Nur noch Schrott drin“, wie eine Kollegin urteilte. Das ging schnell. Im Februar kannte noch kaum jemand in Deutschland die App. Im Herbst ist sie schon wieder out.

Ein Freund, ein echter Freund
Einen wirklich guten Kontakt habe ich durch Tinder bekommen. Er wohnt in einem anderen Land. Wir haben uns noch nie gesehen, noch nie gesprochen. Haben ein gemeinsames Hobby und kennen unsere Single-Ängste, -Sorgen und -Freuden. Zwei Dates hatte ich mit Tinder-Bekanntschaften. Es waren nette Abende. Nett halt.

Die App löschen wäre konsequent. Aber Konsequenz ist ein Fremdwort für mich. Und es könnten ja auch mal wieder schlechte Zeiten kommen.

Wie haltet ihr es mit Tinder: ignorieren, spielen oder funktioniert das tatsächlich als Dating-App – nur bei mir nicht?