Einfach nur daliegen und dösen. Der Tee steht in Reichweite. Die Musik leise. Mehr geht an diesem Samstagabend nicht, selbst „Wetten, dass ..?“ wäre zu aufregend. Die Party am Freitag war zu heftig. Die Nacht zu kurz. Aus Langeweile greife ich zum Telefon. Nachdem ich Tinder stillgelegt habe, probiere ich jetzt Okcupid aus.

Erst seit zwei Tagen – und ich bin noch unschlüssig, wie ich diese Dating-App finden soll. Denn hier geht es so wuselig zu, wie in einer Bahnhofshalle. Hier darf jeder jeden anschreiben, egal, ob man sich gegenseitig likt oder nicht. Das führt zu deutlich mehr Redefluss, leider im Überfluss.

Dirty Talk über Kontinente hinweg
„Ich komme am 10. November nach Hamburg. Möchten Sie mich für ein bisschen Spaß treffen? Sie sind schön.“ Oh, direkt, aber immerhin höflich. Dirty Talk über tausende von Kilometern? Nein, meine Herren.
Christopher schreibt: „Hi 🙂 Wie geht’s dir? Hast du Lust auf guten Sex? :)“ Nee, lass mal.
Bananoholic möchte, dass ich ihm ein paar mehr Bilder schicke – you wish
Kevin möchte nur ein Eis essen.
Ein bärtiger Langhaariger lieber spazieren gehen. Ihm fiel dann aber doch ein, dass er Grippe hat. Blöd.

Keine Ahnung, ob das repräsentativ ist. Vielleicht liegt es am Samstagabend. An meinen Bildern kann es nicht liegen – kein Dekolleté, kein Bein, kein Po. Harmloser geht nicht.

Und dann ist da bearcolaslave.

Foodporn mit Eis
„ABEND sehr schönes Lachen! Bin Single und sehr interessiert bissel was von dir zu erfahren. Musste einfach raus, selten so was Schönes gesehen.“
Ich verdreh zwar die Augen, aber antworte: „Ähm … Ja … War das jetzt charmant oder ’ne Floskel?“
„Hehe, du bist lustig und ja, war ein bissl plump, wollte nur Interesse kund tuen. Und Eis mag ich auch.“ Ich habe ein Profilbild eingestellt, auf dem ich Eis esse.
Ich schweige.
Er: „Wenn du willst, verwöhne ich dich mit Eis. Würde ich machen als Sklave gefesselt, ganz unterwürfig.“
Jetzt wird es interessant. „Wie willst du mich denn mit Eis füttern, wenn du gefesselt bist?“ Gehe ich etwa zu logisch an diese Dating-Apps heran?
„Würde das Eis von meinem Körper laufen lassen oder auf meine Eier, damit ich vor dir leide.“
Herrlich. Foodporn hat ab sofort eine ganz andere Bedeutung für mich.

Erst Sex – und dann reden
Das virtuelle Gespräch mit Matthias, der sich Niceguy nennt, hingegen, fasziniert mich. Mehr als 150 Nachrichten tauschen wir aus. Er schreibt oftmals länger als ich, hat eine ausgeprägte Fantasie, der Gute. Ich schwanke zwischen Überraschung und Erschrockenheit. Diese Unterhaltung mit einem Fremden, von dem ich noch nicht mal ein klares Bild vor Augen habe, macht mich an. Er hat in seinem Profil stehen, dass man ihn kontaktiere soll, wenn man gute Gespräche und guten Sex mag.

„Gleichzeitig oder nacheinander?“ eröffne ich das Gespräch.
„Ich bin durchaus multitaskingfähig, bin aber der Meinung, dass man sich am besten erst auf das eine und dann auf das andere konzentrieren sollte. Nichts gegen dirty talk beim Sex, aber wirklich tiefgreifende Gespräche führen, während man kaum noch Luft bekommt? Nein, dann bin ich eher für nacheinander.“
„Womit fangen wir an?“
„Prinzipiell sollte man erst mit dem Gespräch anfangen.“

Das klingt wie aus „50 shades of grey“
Ui, das klingt doch etwas ernsthaft. Ich will aber spielen: „Könnte natürlich sein, dass man sich total verquatscht – und gar keine Lust mehr aufeinander hat.“
Matthias spielt mit. Wir schreiben über Dating-Apps, Knutschwille und Sex beim ersten Date, auch ohne vorher zu reden.

„In Wirklichkeit lecke ich besser als ich küsse“, posaunt er.
„Was zu beweisen wäre.“
„Ich mag Sex, vor allem wenn er dreckig ist.“
Würde man so etwas zu einer Frau an der Theke sagen? Vielleicht nach dem sechsten Bier. Und man würde eine Ohrfeige riskieren.
„Wenn du die Dominanz abgibst, dann werden es mehr als zwei Minuten, schließlich habe ich das Zepter in der Hand und ich werde mir Zeit lassen.“

Es hört sich verdammt nach einem Auszug aus „50 shades of grey“ an.

„Ach, wie hätte ich doch Lust, dich willenlos zu wissen und dich langsam, ganz langsam heiß zu machen, deine Lust zu steigern, bis du darum bittest, endlich hart gefickt zu werden.“ Während ich noch so überlege, ober er tatsächlich aus Schundromanen abschreibt, merke ich, wie es richtig Spaß macht. Ich erzähle Matthias Dinge, die ich meinem letzten Freund nach drei, vier Jahren erzählt hab. Ungemein verlockend, doch nochmal vom Sofa runter, Mascara auflegen und los, diesen Unbekannten treffen. Würde ich das wirklich tun?

Ich muss mir die Frage nicht beantworten, weil Matthias sagt, dass er unpässlich ist, muss Kisten packen, zieht gerade um. Es klingt glaubwürdig. Vielleicht ist er ein bisschen froh, denn eine Frau, die sich mit ihm zum Sex verabreden will, ohne vorher ein Anstandsbier zu trinken, scheint ihm doch ein bisschen unheimlich zu sein. Wir sprechen noch über seinen Fußballverein, mein Sexspielzeug und unsere Tabus. Ich bedanke mich artig für die Kopfkinovorlage und gehe ins Bett.

Erstaunlicherweise meldet sich Matthias am nächsten Morgen. Weniger dreckig, mehr interessiert. Wir werden wohl den Umweg über den Tresen nehmen und nicht direkt auf meiner Treppe knutschen. Denn er verspricht: „Ich bin charmant, witzig und sexy.“ Was zu beweisen wäre.