Den Hochzeitswalzer hatte das Brautpaar mit Ach und Krach hinter sich gebracht. Man sah Sven an, dass er froh war, sich nicht komplett blamiert zu haben – und jetzt der Fokus von ihm wich. Denn der DJ schwenkte sofort um. „Auf uns“ – wer konnte das nach diesem glorreichen WM-Sommer nicht auswendig?

Und wie passend diese Zeilen:
„Wir schwören uns ewige Treue, vergolden uns diesen Tag.“
„Ein Hoch auf uns, uuuuuns, auf dieses Leben.“

Eltern, Großeltern, Freunde fingen an zu tanzen und grölen. Lachten. Augen glänzten. Menschen, die zusammengehörten, hielten sich in den Armen, guckten sich tief an. Eine Mutter hatte ihre kleine Tochter auf dem Arm, sie drehten sich, der Papa kam dazu. Alle waren glückstaumelig. Und mittendrin stand ich. Fühlte mich unendlich einsam.

Kampf gegen die Tränen
Dabei war ich nicht allein. Umgeben von lieben Menschen, Freunden, die ich seit Jahren kannte, mit denen ich studiert hatte, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich freute mich, dass ich diesen Tag mit ihnen verbringen konnte. Ich freute mich für meinen frisch verheirateten ehemaligen Mitbewohner und seine Frau. Ich freute mich für meine WG-Freundin, die mir von den Fortschritten ihrer zwei Kinder erzählte. Ich freute mich für all die anderen Bekannten, die samt Kind und Kegel angereist waren. Es war ehrliche und aufrichtige Freude, tauschen wollte ich nicht mit ihnen. Aber so glücklich sein. Ich kämpfte mit den Tränen und zwang mich zu einem breiten Lächeln.

Als ich mich zu der Hochzeit anmeldete (ohne Begleitung) und meine Übernachtung (Einzelzimmer) buchte, war ich deutlich weniger gefühlsduselig. Es war nicht die erste Hochzeit, – und wird auch nicht die letzte sein – zu der ich allein fahre. Doch als beim Sektempfang jemand sagte: „Du bis hier der einzige Single“, hörte sich das an wie „Was stimmt denn mit dir nicht?“ Beim Abendessen saß ich neben dem Fotografen, der war allein gekommen, war aber selten am Platz und wenn er da war, erzählte er von Frau und Kind.

Meine Geschichten sind nicht ihre Geschichten
Sollte ich hier irgendjemandem erzählen, dass mir der Typ, dem gerade mein Herz gehörte, mich vor vier Tagen per Whatsapp hatte wissen lassen, dass „aus uns nichts wird“? Und ich ihm trotz dieses unfeinen Abgangs hinterher trauerte? Wem konnte ich sagen, dass es mir so was von egal ist, ob sie einen Kita-Platz finden? Ich hatte gerade selbst genug berufliche Sorgen. Und dass ich mich am Vorabend so richtig betrunken hatte, erst um 6 Uhr im Bett war und vorhin in der Kirche noch einen Pegel hatte, konnte ich hier auch niemandem sagen. So was hat man vor zehn Jahren gemacht – aber nicht mit Mitte 30. Ich fühlte mich komplett fehl am Platze.

Ich war der Thekenfachkraft unendlich dankbar, dass ständig griffbereite Schnäpse auf dem Tresen standen. Alkohol war an diesem Abend meine Lösung. Natürlich ist das kurzfristig gedacht, aber es half. Beim vierten Mal „Auf uns“ grölte ich lauthals mit, Juliane tanzte neben mir, legte den Arm um mich, schrie mir ins Ohr: „Du tanzt so großartig. Dir sieht man richtig an, dass du auch allein richtig viel Spaß hast.“ Vielleicht sollte ich Schauspielerin werden.

Ich kannte Juliane erst seit ein paar Stunden, aber sagte zu ihr: „Das ist alles nur gespielt. Mir geht’s beschissen.“ Kurz guckte Juliane irritiert. Mist, ich wollte ihr nicht die Party versauen. Dann sagte sie: „Du bist nicht allein. Sascha und ich haben uns vor zwei Wochen getrennt. Wir wollten nur nicht das große Theater und sind daher noch zusammen gekommen.“ Also kleines Theater und schon zwei gute Schauspielerinnen. „Ein Hoch auf uns.“ Und noch einen Schnaps bitte.