Er kommt durch die Kneipentür und es reicht ein Blick und ein Satz – und ich weiß, dass der Abend langweilig wird. Er sieht genau so aus wie auf den Fotos: sympathisch, schönes Lachen, dunkle Augen. Er hat nichts Falsches gesagt. Aber Funkenflug ist abbestellt für diesen Teil der Theke, nach gerade mal einer Minute.

Woran liegt das? Baut man, wenn man sich online kennenlernt, sich schriftlich die Bälle zu spielt, zu hohe und zu konkrete Erwartungen auf? Aber noch ist ja gar nichts passiert. Worauf stützte ich mein Urteil, dass es hier und heute nicht knistern wird?

Wir bestellen Pils. Die aufgeregte Neugierde ist verschwunden. Stattdessen suche ich die Lockerheit, die wir schriftlich hatten, in unserem Gespräch. Aber es bleibt an der Oberfläche. Er klopft die Standards ab: Was machst du beruflich? Was machst du, wenn du nicht arbeitest? Wie lange bist du schon Single? Ich fühle mich wie bei einem Bewerbungsgespräch. Wir haben gemeinsame Interessen und Themen, könnten lebhafte Diskussionen führen, aber finden den Einstieg nicht. Aufstehen und gehen wäre angebracht. Sind wir beide zu höflich dafür?

Rückzug auf die Metaebene
Ich habe in den vergangenen sechs Monaten drei Dating-Apps ausprobiert, mal länger, mal oberflächlicher. Wen mich jemand fragt, was ich da suche, kann ich keine Antwort geben. Die Liebe für den nächsten Lebensabschnitt ist es nicht. Die scheint auch kaum jemand dort zu vermuten. Vielmehr ist es eine Mischung aus Neugier, Spaß, Zeitvertreib, Langeweile, der Wunsch nach Aufregung, Ablenkung und Bestätigung, die Hoffnung auf einen spannenden Abend, eine Knutscherei, eine Affäre. Und trotzdem lade ich (unbewusst) den Abend der Verabredung mit Erwartungen auf, als säße dort die Liebe meines Lebens. Ein halbes Dutzend Dates hatte ich via Tinder & Co, also keine statistisch relevante Größe. Das ist das zweite Mal, das ich nach einer Minute schon den Haken an den Abend gemacht habe. Schlechter Schnitt? Oder völlig im Rahmen?

Ich hab es mir auf meiner Metaebene bequem gemacht. Ich bin wieder neugierig. Auf mich. Warum reagiere ich so? Warum passiert hier nichts? Wie kann ich das ändern? Offensichtlich gar nicht, denn ich öde ihn an, kein Wunder. Er gähnt unverhohlen. Ich nehme es nicht persönlich. Dafür ist dieser Abend zu bedeutungslos. Ich gebe mir auch keine Mühe, es zu ändern. Ich bin gedanklich schon weiter. Wieder zuhause, in meiner Küche, schmiere mir ein Leberwurstbrot und setze gerade an zum Hineinbeißen, da – „Wollen wir zahlen?“ Er reißt mich aus meinen Stullen-Träumen. Wir teilen uns die Rechnung, stolpern aus der Kneipe. Keine Umarmung, kein Händedruck. Ein „Ich meld mich“ von dem beide wissen, dass es höflich, aber nicht ernst gemeint ist.

Ein Freund, der seine neue Liebe über Tinder gefunden hat, rät mir: „Du brauchst mehr Quantität, nur so entdeckst du die Qualität.“ Ich zweifle diese Theorie an. Ich brauche mehr Mut, nach dem ersten Bier zu gehen, wenn das Interesse am anderen einfach nicht vorhanden ist.