Und? Was machst du an Silvester? Himmelherrgott! Seit Wochen leiere ich die immer gleichen Sätze: „Ich weiß es nicht“, „Das ist mir nicht so wichtig“, „Irgendeine Party“ und verdränge die Suche nach einer guten Antwort und einer wirklichen Alternative.
 
Und wenige Stunden vor Jahresende stehe ich nun da und resigniere. Spontane Kurztrips in europäische Hauptstädte kosten ein Vermögen für diese eine Nacht, der Mann, mit dem ich mir ein Abendessen in Kerzenbeleuchtung zutrauen würde, fühlt sich seinem Freundeskreis verpflichtet (immerhin habe ich gefragt) und Einladungen zu Raclette- und Spieleabende in Pärchenkreisen habe ich mir verbeten. Also greife ich auf die sichere Bank zurück: Party im Freundeskreis. Wir sehen uns häufig, feiern in der immer gleichen Runde – und es ist nett, aber eben unspektakulär nett. Und mir ist gerade nach Spektakel! Ich würde noch jetzt alles stehen und liegen lassen, wenn hier so ein Knallbonbon aufpoppt und mir die Party des Jahrtausends versprochen wird. Garantien? Brauche ich nicht.

Aber das wird nichts mit der großen Sause, dem himmlischen Geknutsche, dem furiosen Start ins nächste Jahr. Ich treffe Paare, weibliche Singles, männliche Singles, die sich weder fürs Knutschen noch für mehr eignen – und meinen Ex. Es sind gute Freunde, liebe Menschen. Sollte ich noch kurz vor Jahresschluss einen Anfall von Sentimentalität bekommen – diese Freunde wissen es und mich zu ertragen. Das ist gut.

Umarme mich, wer kann
Jeder bringt was zu essen und zu trinken mit, wie immer werden wir zu viel von allem haben. Es wird erzählt, gelacht, gefeiert, angestoßen, Pläne werden geschmieden. Das ist solide. Aber irgendwie auch vorhersehbar. Und das ist wohl das, was mich stört.

Denn ich weiß schon, wie wir um kurz vor 24 Uhr uns eilig die Jacken überwerfen, die noch vorhandenen Sektflaschen schnappen, durchs Treppenhaus poltern und auf der Straße auf das neue Jahr warten. Dann bimmeln die Kirchturmuhren, dann zischen die Raketen, die Böller explodieren und alle fallen sich in die Arme. Also die Paare sich.

Schweinerei mit Berliner
Und wem falle ich in die Arme? Die Singles starren erst in den Raketen-Himmel, nehmen dann einen großen Schluck aus der Sektflasche und schätzen sich dann glücklich, wenn eine Freundin da ist. Die man umarmt, der man entweder sagen kann: „Auf dass wir am Ende dieses Jahres endlich einen Kerl umarmen“ oder „Ach, wir haben ja uns“ und je nach Gemütslage und Alkoholpegel fließt dann eine Träne.

Und nicht allzuweit nach Mitternacht werden mein Ex und ich uns in die Arme fallen. Von ihm kommt ein geseufztes „Ach“, gefolgt von meinem Kosenamen, einem festen Drücker, einem Kuss. Auf die Wange! Hier fließt dann garantiert eine Rührungsträne, bei mir. Immerhin muss ich ihm keine SMS in angetrunkenem Zustand schreiben, die ich am nüchternen Morgen bereuen würde.

Vielleicht umarme ich mich um Mitternacht aber auch einfach selbst, bedanke mich bei mir für dieses aufregend-anstrengende Jahr und beiße herzhaft in einen Berliner. Bis mir das Pflaumenmus an den Mundwinkeln runterläuft. Die Schweinerei macht dann bestimmt jemand weg. Mit einem Kuss, bitte. Das wäre ein Spektakel.