Nein, nicht ich. Sondern meine Freundin Alexandra. Wir kennen uns seit etwas mehr als vier Jahren. Damals war ich noch in einer Beziehung und sie Single – und nie hatte ich mir darüber Gedanken gemacht, wie das für sie ist. Ich kenne sie nur so: allein und auf der Suche. Bis vor ein paar Wochen. Jetzt gibt es plötzlich ein „Wir“. Ein „Wir“, dass das „ich“ in kürzester Zeit geschluckt zu haben scheint.

Hier mal eine Affäre, da mal ein Typ – so kannte ich Alexandra. Eine Frau, die in eine Bar kommt und die Blicke auf sich zieht, die schlagfertig und charmant ist, schlau und clever. Sportlich, smart, einfühlsam, sexy. Es gab keinen ersichtlichen Grund, warum ihr die Männer nicht zu Füßen liegen sollten. Und sie wollte auch, aber es war nie das, was sie suchte. Stets war es kompliziert. Das sorgte zum einen für genug Gesprächsstoff, unbezahlbare Anekdoten und zum anderen aber auch für Frust und Tränen. Während ich mich trennte, von Männer nichts wissen wollte und mich noch immer sehr wohl ohne Partner fühle, war sie diejenige, die sich nichts sehnlicher wünschte, als einen Mann.

Eine Runde Gin Tonic auf den Schock
Eines Abends stand sie vor mir – und hatte ihn an der Hand. Ich bekam den Mund nicht mehr zu. Erstens war das Bild so ungewohnt. Zweitens – der? Ich kannte ihn und wusste nicht, dass er sich von Frau und Kind getrennt hatte. Aber wer so ungeniert in einer Bar schmust und knutscht, hat nichts mehr zu verbergen. Ich orderte eine Runde Gin Tonic – auf den Schock und zur Feier des Tages. Der Schock war schnell runtergespült, die Freude stieg. Denn: Sie so strahlend glücklich zu sehen, war großartig. Endlich.

„Alexandra ist jetzt keine mehr von uns“, kommentierte Annika. Es sollte wie ein Scherz klingen, aber Annika war nicht zum Lachen zu mute. „Bist du jetzt etwa eifersüchtig?“, fragte ich sie. „Ach was“, zischte sie. Auch sie ist Single, auch sie ist auf der Suche.

Neidisch auf das Glück der Freundin
Ganz kann ich mich von diesen Neidgedanken nicht frei machen – bei aller Freude und Freundschaft. Mit jemandem Hand in Hand durch die Nacht zu spazieren, kleine Überraschungen im Briefkasten zu haben, Wochenendtrips und Einladungen zum Essen – das komplette Wolke-sieben-Programm. Wäre schon irgendwie schön. Jetzt erlebe ich es als Zuschauer, manchmal mehr als mir lieb ist; denn ihre Glücksmomente teilt sie gern. Das soll sie auch, aber das heißt noch lange nicht, dass es nicht schmerzt.

Und dann sind da noch diese Momente, in denen ich nur die Augen verdrehe und eigentlich patzig werden würde, wäre sie nicht meine Freundin. „Kommt jemand mit eine Runde laufen?“ fragte kürzlich eine Freundin in die Whats-App-Gruppe. „Ich mache Bettsport“, war Alexandras Antwort. Himmel! „Ja, schmier es mir noch aufs Brot. Du hast Sex und ich nicht.“ Ich dachte es nur und grummelte in mich rein. Oder vor ein paar Tagen die Absage zu einem Geburtstag in großer Runde. „Wir können nicht kommen?“ „Wir“? Du warst eingeladen! Vergiss doch bitte nicht nach ein paar Wochen, dass es auch noch dich als Individuum gibt, auch wenn die Sehnsucht so lange so groß war. Ich sag ihr das nicht, möchte keine Freude verderben und außerdem komme ich mir schon beim Denken gemein und gehässig vor. Als ob ich ihr die Liebe nicht gönnen würde.

Verliebtsein macht mir Angst
Glücklicherweise hat er ein Kind und nicht immer Zeit. So ist für die Freundinnen auch noch Platz. Aber wie häufig fliegen die Finger dann über die Smartphone-Tastatur und fängt jeder Satz mit seinem Namen an. Himmel! Muss Verliebtsein schön sein! Ist es ja auch, gerade, wenn es eine Freundin erwischt. Ich wäre wohl genau so – und das macht mir Angst.

Ich will nicht das „Ich“ aufgeben, keinem „Wir“ platz machen. Meine Gedanken sollen nicht nur um einen kreisen. Meine Laune soll nicht davon abhängen, ob er Zeit hat oder sich doch um Ex und Kind kümmern muss. Ich mag diese rosarote Brille nicht aufsetzen. Ich habe viel zu viel Angst, dass sie zu früh zerbricht. Natürlich kann man sich vornehmen, nicht so durchzudrehen, wenn man verknallt ist. Aber, was zählen in so einer Phase noch vernünftige Gedanken? Alles hinfällig. In etwa so wie bei jungen Müttern, die nie Glucken werden wollten – und genau das ab dem ersten Tag sind.

Und ohne den Mut, sich einzulassen auf einen anderen Menschen, ein Stück vom „Ich“ herzugeben, den Hormonen freie Hand zu lassen und den Kopf auszuschalten, kann das Glück zu zweit auch nichts werden. Das habe ich an meiner Freundin erkannt. Sie brauchte die Zeit, bis sie bereit war für einen neuen Mann. Ich bin noch längst nicht so weit.