„Ich kann das nicht“, sagt er mit einer Unschuldsstimme und guckt mich mit seinen blauen Augen an. Karsten klingt verloren und hilflos, wie er da an meinem Küchentisch hockt. „Du hast ein Zeitfenster zwischen Sonntagabend und Montagmorgen und wenn ich dann keine Lust habe … Ich kann halt morgens nicht.“ Karsten spricht übers Kinderkriegen, vielmehr zeugen. Nicht mit mir, sondern mit seiner Frau. Und es ist mehr als merkwürdig, dass er das bei mir loswerden möchte. Denn er sitzt in meiner Küche, um die Nacht mit mir zu verbringen.

„Ich weiß gar nicht, ob ich das will. Wir lassen es gerade drauf ankommen.“ Bislang habe ich noch mit dem Rücken zu ihm, innerlich kopfschüttelnd, einen Hefeteig geknetet, vielleicht etwas fester als es notwendig wäre. Jetzt dreht ich mich um, an den Händen den zähen Teig.
„Sag mal hast du sie noch alle?“
„Ja, ich weiß, dass ich das gerade dir erzähle. Aber wir kennen uns schon so lange. Du verstehst mich. Mit dir kann ich über alles reden.“
„Darum geht’s überhaupt nicht.“ Ich bin lauter als ich will. „Du kannst doch nicht einfach mal so dein Sperma verteilen und dann gucken, ob’s klappt oder nicht. Ein Kind ist doch kein Spielzeug. Das ist eine lebenslange Verantwortung. Und wenn du deine Frau laufend betrügst – warum willst du ein Kind mit ihr?“ Ich komme mir vor, als spreche ich mit einem 18-Jährigen und nicht mit einem 40-Jährigen. Moralapostel zu spielen, ist nicht mein Ding, aber so viel Gedankenlosigkeit macht mich wütend. Ich drehe mich wieder um und knete weiter, schüttle den Kopf jetzt deutlich sichtbar. Er steht auf, stellt sich hinter mich und massiert mir den Nacken.

Das beruhigt und entspannt. „Jetzt mal im Ernst, Karsten. Du kannst morgens sehr wohl. Ich weiß das.“ Er lacht. „Wenn du es mit ihr nicht kannst … – schon mal drüber nachgedacht, dass du gar nicht willst.“ Schön den Klugscheißer raushängen lassen. Hinter mir höre ich nur ein gemurmeltes: „Können wir jetzt das Thema wechseln?“

Schluss zwischen Trödel
Karsten und ich kennen uns seit 15 Jahren. Wir haben zusammen studiert, gearbeitet und gefeiert. Nach dem Studium verloren wir uns aus den Augen, zogen in verschiedene Städte. Und standen uns eines Nachts auf einer Tanzfläche gegenüber. Wir hatten noch nie geknutscht. Aber jetzt. Einfach so, ohne vorher Worte zu verlieren. Er war zu Besuch in meiner Stadt und nach durchtanzter Nacht nahm ich ihn mit nach Hause. Wir erzählten uns die letzten Jahre und wachten eng umschlungen auf. Der Anfang einer Affäre, mal war er in meiner Stadt, mal ich in seiner. Wir schrieben lange Mails, fühlten aber keine Verpflichtungen. Es war locker und ungezwungen. Zu viel für eine Freundschaft, zu wenig für eine Beziehung. Bis er eines Sonntagmorgens zwischen Flohmarkttrödel befand: „Du willst mehr als ich. Das sehe ich in deinen Augen.“ Leugnen zwecklos. Er hatte das so entschieden. Wir gingen zu ihm nach Hause, ich packte meine Sachen und ging. Das ist mehr als zehn Jahre her, aber ich sehe mich noch vor seiner Tür stehen. Heulend, enttäuscht und stinkesauer. Wir hatten noch ein bisschen beruflich Kontakt und verloren uns dann abermals aus den Augen.

„Das sieht gut aus“, sagt er, blickt auf den fertigbelegten Flammkuchen. „Du konntest schon früher gut kochen.“ Oh, jetzt wird wieder die Vergangenheit glorifiziert. „Damals auf der Party bei Oskar und Paul …“ Ich kann mich an die Party, auf der er sich das erste Mal verknallt haben will, beim besten Willen nicht erinnern. Warum habe ich „ja“ gesagt, als er fragte, ob ich Zeit hätte, er sei in meiner Stadt? Er meldet sich selten – so selten, dass ich ihn bei meiner Männeraussortieraktion vergessen hatte. Er meldet sich nur, wenn er in die Stadt kommt. Ich mag ihn, ich verbringe gern Zeit mit ihm. Er mag mich, er verbringt gern Zeit mit mir und er möchte Sex.

Gebuhlt, geschmeichelt und umgarnt
Vor dem ersten Mal als Verheirateter buhlte er mehr als zwei Jahre. Wir hatten längst wieder Kontakt, zumindest sporadisch. Als er mitbekam, dass ich mich getrennt hatte, fragte er, ob wir uns sehen und an die alten Zeiten anknüpfen könnten. Das sei doch immer so gut gewesen.
„Bist du nicht mehr verheiratet?“
„Doch, aber das macht doch nichts.“
„Dir oder ihr?“
Die Antwort blieb er schuldig. Wir trafen uns, sobald er in meiner Stadt war. Aber ich kam nie mit in sein Hotel und lud ihn nie zu mir nach Hause ein. Wenn er zum Kuss ansetze, drehte ich meinen Kopf weg. Meine Körbe waren eindeutig. Er ließ nicht locker. Das schmeichelte mir, aber es entsetzte mich auch. Ich ließ es ihm nur durchgehen, weil wir uns schon so lange kennen – und weil es gut tut, dass sich jemand interessiert, auch wenn mir stets klar war, dass es ihm vorrangig um Sex geht. Mir lag zu viel an ihm, um den Kontakt abzubrechen. Undenkbar war und ist es für mich, mit ihm eine Affäre anzufangen – oder gar mehr. Dass er seine Frau verlässt, steht überhaupt nicht zur Debatte.

Mir ist es ein Rätsel, wie er das mit sich ausmacht. Wir haben offenbar unterschiedliche Auffassungen von den Rahmenbedingungen einer Ehe. Trotzdem warf ich irgendwann meine Bedenken über den Haufen. Ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber hatte ich nie. Ich bin nicht die einzige, was es nicht besser macht, aber ich trage nicht die Verantwortung für ihn und seine Entscheidung. Vor einigen Monaten war ich mir sicher, dass ich nicht darunter leide, mich nicht verliebe – und ging mit ins Hotelzimmer.

Einmal-im-Jahr-Geliebte
Es war vertraut und ungewohnt gleichzeitig. „Wie vor zehn Jahren“, sagte er. „Genau das ist das Problem“, dachte ich. Nicht, weil ich mich verlieben würde, sondern ich hatte mich in den zehn Jahren entwickelt. Er wirkte hingegen, als wäre er kurzzeitig wieder jung und Student. Ausgehungerter Ehemann wie im Bilderbuch. Ein fieser Gedanke. Ich sprach ihn nicht aus, stand auf, zog mich an. „Ich fände es schön, wenn du bleibst“, sagte er. Ich guckte ihn ungläubig an. „Du willst morgen neben mir aufwachen?“
„Ja, und ich würde gern, dass wir das jetzt ein Mal im Jahr machen.“ Mein ungläubiger Blick veränderte sich nicht. Ich schüttelte den Kopf. „Für die Einmal-im-Jahr-Gliebtenrolle eigne ich mich nicht.“ Aber ich blieb. Und daher weiß ich, dass er sehr wohl morgens Sex haben kann.

Tja, und jetzt hockt er das erste Mal in meiner Küche. Irgendwie fehl am Platz und gleichzeitig genau richtig. Eigentlich müsste ich ihn auf dem Sofa übernachten lassen. Gleichzeitig tut es so gut, dass mich jemand in den Arm nimmt, mir den Nacken krault, fragt und zuhört, erzählt und lacht, in alten Zeiten schwelgt und einfach da ist. Aus dem Kuscheln wird Küssen, daraus ein leidenschaftlicher Kuss. Und die Idee mit dem Sofa kommt mir plötzlich dämlich vor.

Am nächsten Morgen lasse ich ihn in meinem Bett zurück, fahre zur Arbeit. Sein Gewissen ist mir immer noch egal. Mein Gewissen ist okay. Aber in Zukunft werde ich mit ihm kein Hotelzimmer mehr betreten, ihm nur das Sofa anbieten. Entweder reicht uns diese Freundschaft oder ich verzichte auf diesen Kontakt. So kann ich das nicht.