Langsam senkt sich die Sonne gen Meer. Ich kann meinen Blick gar nicht abwenden. Und suche den Stopp-Button. Anhalten. Lass diesen Tag nicht enden. Ich sitze in einem warmen Whirlpool, der kalte Wind zerzaust mein Haar. Das Weinglas im festen Griff. „Träumst du?“ Paulina spritzt mir etwas Wasser ins Gesicht. Ja, ich hab das Gefühl, dass ich träume. Ich blicke in die Runde, ich kenne diese Menschen, mit denen ich hier im Pool liege und den Tag verabschiede, noch nicht lange. Aber sie sind mir so ans Herz gewachsen, besonders einer, dem ich diesen Ausblick zu verdanken habe.

Die Idee, gemeinsam Valentinstag zu feiern, fand ich absurd. Der Tag ist mir schnuppe. Aber ich ließ mich überzeugen, man soll sich ja den Gepflogenheit des Landes anpassen. Und hier kann man seit Tagen kein Radio hören, kein Fernsehen gucken, kein Geschäft betreten, ohne Liebeslieder zu hören, Werbung für Geschenke und Herzchen zu sehen. Ein gemeinsamer Ausflug mit Freunden – darauf konnte ich mich einlassen, auch wenn wir im Restaurant das Valentinsmenü gebucht hatten.

Schubse mein Valentine von der Bettkante
Der Tag begann, als ich gerade eingeschlafen war. Es klopfte an meiner Tür, das Licht ging an. Mein Gastgeber kam mit zwei Champagnergläsern rein. „Wir haben morgen früh keine Zeit für ein Frühstück. Auf dich und deinen Urlaub“, sagte er, reichte mir das Glas. „Ich weiß, du findest das blöd, aber ‚Happy Valentine’s Day‘. Ich setzte mich auf, blinzelte, zupfte die Bettdecke zurecht – man muss sich ja nicht gleich nackig machen, nur weil ein Kerl mit einem Glas Sekt vorm Bett steht. Kuss auf die Wange. Anstoßen. Nippen. Und mit einem blöden Spruch die Situation entschärfen.
„Ist das die landestypische Art des Vorspiels?“
„Nein, das ist der Roomservice.“
„Ah, den hatte ich eigentlich nicht bestellt. Kann ich mir nicht leisten.“
„Geht heute aufs Haus.“
Ich grinse einfach nur, vermutlich ziemlich dämlich. Murmel „danke“, nehme einen großen Schluck, um Zeit zu gewinnen. Ich finde ihn zwar nicht unsympathisch, aber aus diversen Gründen würde ich ihn gern von der Bettkante schubsen. Aber er steht von allein auf. „Entspann dich, wir feiern Valentinstag auch mit Freunden, die uns wichtig sind, es sind nicht nur Paare.“ Oh, hab ich jetzt gerade so verschreckt geguckt? Und so ein ganz klein bisschen Enttäuschung ist da doch bei mir. Ich denke: „Typisch Frau.“ Er sagt: „Typisch deutsch.“ Und lacht sich kaputt.

Das Lachen wird an diesem Tag zum roten Faden. Die Sonne ist gerade aufgegangen, als wir ins Auto steigen. Freunde einsammeln, die Stadt verlassen, ab aufs Land. Jeder darf ein Liebeslied aus seinem Land aus der unendlichen Spotify-Fundgrube heraussuchen. Es wird sehr schief gesungen, sehr viel gelacht. Über eine kurvige Straße fahren wir zu einem See in den Bergen. Raus aus dem Auto, rein ins Wasser. Und – so viel Gentlemen sind die Jungs dann doch – als wir Mädels aus dem Wasser kommen, stehen die Getränke schon bereit. Die Herren haben sich auch um das Restaurant gekümmert.

Es ist zum Heulen
„Irgendwie gar keine schlechte Valentines-Variante.“ Muss ich irgendwann zugeben. Wir sitzen an einem großen Tisch. Wein, bestes Essen, Sonne, nur glückliche Menschen, Paare und Singles.
„Sieht man dir an. Du strahlst in einer Tour“, sagt Nadine.
„Das ist mein schönstes Valentines-Geschenk, dich so glücklich zu sehen“, sagt mein Gastgeber. Ich presse noch ein „Danke“ raus und merke, wie mir die Tränen in die Augen schießen. Diese Menschen drücken gerade die richtigen Knöpfe.

Und sei es nur der Knopf für die Massagebrause am Whirlpool. „Dann hör jetzt mal auf mit dem Träumen“, sagt Pauline. Die Sonne ist weg. Der Himmel spielt noch ein bisschen mit der Farbpalette, während wir aus dem Wasser klettern, noch eine Flasche aufmachen und auf die Freundschaft trinken. Auch das ist Liebe.