Natürlich sitzt er zwischen uns. Wir hatten überhaupt nicht darüber gesprochen, aber es war sicherlich auch kein Zufall, dass wir uns so durch die Kinoreihe quetschten, dass John seinen Platz in der Mitte zwischen Nicole und mir fand. Ich grinste gespannt in die Dunkelheit des Saals, die Werbung lief schon längst, und wettete mit mir um ein Drei-Kugel-Eis, dass keine zehn Minuten vergehen würden – und ich ne Hand von ihm irgendwo an meinem Körper spüren würde.

Nicole und John sind kein Paar, zumindest stellen sie sich nicht gegenseitig als Freund und Freundin vor. Sie würde das gern, vermute ich, gefragt habe ich sie noch nie, dafür kenne ich sie noch nicht gut genug. Von John weiß ich, dass er keine Beziehung will. Weder mit Nicole, noch mit einer anderen Frau. Lieber mit 15 gleichzeitig daten, chatten, flirten – je mehr Aufmerksamkeit, umso besser. Aber Nicole ist schon eine Konstante, mehr als ein Flirt. Egal, ich misch mich da nicht ein.

Ungehorsam auf Bestellung
Zumindest war es Nicole, die mich fragte, ob ich mit den beiden „Fifty Shades of Grey“ gucken wollte – und guckte dabei ein bisschen herausfordernd. Vielleicht war es aber auch nur reine Höflichkeit, da ich gerade bei John zu Besuch bin. Die Bücher von E.L. James hatte ich erst vor wenigen Wochen gelesen. Der Hype begann, ich konnte nicht mitreden, also kaufte ich mir gleich alle drei Bände. Ich war neugierig, wusste zwar, dass ich hier keine wirklich heiße Erotikliteratur erwarten durfte, schob den Stapel aber trotzdem mit einem „hoffentlich-sieht-mich-niemand-Gefühl“ auf den Kassentisch. Bisschen wie Kondome kaufen. Die Kunden hinter dir und die Kassierer denken sich ihren Teil – denke ich. Vermutlich denkt hier niemand – und ich zu viel. Den ersten Band konnte ich kaum aus der Hand legen, las halbe Nächte durch und fragte mich warum. Es war nicht aufregend gut geschrieben, immer die gleichen Worte, gar nicht so detaillierte Sexszenen. Der zweite Band brauchte schon mehr Zeit. Der dritte liegt unangetastet auf dem Nachttisch.

Nun also der Film. Zu dritt, vielleicht wird das ja prickelnder. Wir treffen uns vorher in Johns Lieblings-Sushiladen, gleich um die Ecke vom Kino. Ich bin pünktlich, organisiere einen Tisch und bekomme dann eine SMS von John. „Bestell schon mal Folgendes …“ Es liest sich wie ein Befehl, und ich habe Lust zu spielen. „I like your orders, Mr Grey“, schreibe ich zurück – und bestelle dann absichtlich von den Gemüsespießen zu wenig und eine andere Variation beim Tunfisch.

Die Lust, zu spielen
Die beiden kommen direkt vom Sport. Nicoles lange, braune Locken sind noch nass. Sie hat ein enges, kurzes Kleid mit sehr viel schwarzer Spitze an, hochhackige Pumps. Bis eben kam ich mir noch ganz okay-angezogen vor, plötzlich fühlt sich mein Kleid wie ein Kartoffelsack an. Ich war wie eine gute Touristin den gesamten Tag durch die Stadt geschlendert, hatte mir nur schnell auf der Kaufhaustoilette Wasser über die Sonnencreme-Schwitz-Arme laufen lassen, Deo und Mascara nachlegen. Meinem Selbstwertgefühl ist das gerade zu wenig. John und Nicole fällt das nicht auf. John merkt hingegen gleich, dass ich nicht so wie von ihm gewünscht bestellt habe. „Ana, you were not a good girl.“ Auch er hat Lust zu spielen. Er würde sich in der Rolle des Mister Grey gefallen. Ich registriere Nicoles verstörten Blick. Bevor der Kinoabend ruiniert wird, halte ich lieber den Mund. Ich hätte jetzt gern nachgelegt.

Die Zeit drängt ohnehin und nimmt jegliche Atmosphäre für weitere Fifty-Anspielungen. Warten wir mal den Film ab … Lange muss ich nicht warten. Gleich nach der Begrüßungsszene zwischen Ana und Christian Grey in dessen Büro legt mir John seine Hand auf meinen nackten Unterarm, beugt sich zu mir rüber und flüstert: „Ist der jetzt sexy?“ Ich zische „auf gar keinen Fall“ und genieße die kurze Berührung. Seitdem ich auf Grund meiner Jahresanfangsmänneraussortieraktion keinen Nahkontakt mehr habe, verzücken mich auch Kleinigkeiten. Aber das nimmt ja jetzt lächerliche Ausmaße an … Noch bevor ich auf den Gedanken kommen kann, dass die Hand da jetzt auch gern bleiben könnte, zieht John sie schon wieder weg.

Nachdem Jamie Dornan das erste Mal seinen Prachtbauch in die Kamera gehalten hat, rücke ich mit meinem Mund an Johns Ohr und flüstere: „Ich muss mich korrigiere. Er ist doch heiß.“ Das Licht von der Leinwand reicht aus, um zu sehen, dass John grinst.

Streit mit dem Spiegelbild
Mehr sehe ich dann aber auch nicht. Immer wieder schiele ich rüber, ob John und Nicole fummeln, knutschen – nichts. Alles und alle bleiben anständig. Aufregend geht anders. Das gilt auch für den Film – er tut nicht weh, die Musik ist okay, ein paar Schmunzler. Ein netter Kinoabend, null Erotik.

Als das Licht angeht, komme ich mir lächerlich vor, dass ich auch nur einen Anflug davon erwartet habe. Wir fahren zu John, reden über die Unterschiede zwischen Buch und Film und sind uns einig, dass die Sexszenen erstaunlich unspektakulär waren, der Abend aber nett. Dazu trinken wir einen Absacker, blicken in die Sterne und auf die Lichter der Stadt. Und bevor ich wieder durchdrehe, weil mich jemand mit dem kleinen Finger am Unterarm berührt, geh ich in mein Zimmer. „Hoffentlich sind die Wände dick genug oder die beiden nicht so laut“, grummelt es in meinem Kopf beim Zähneputzen. „Verdammt, du brauchst mal wieder ein Date“, schnauze ich mein Spiegelbild an, diagnostiziere Underfuckednes bei mir. Bevor ich mir über konkrete Therapieansätze nachdenken kann, schlafe ich ein.