Ich drücke die Tür ins Schloss, lausche seinen Schritten wie er die Treppe runter geht und muss mir auf die Lippe beißen, um nicht laut loszulachen. Er würde es noch hören und vermutlich ist der Gang in die Nacht schon demütigend genug. Damit wir uns nicht falsch verstehen, demütigen wollte ich Andreas nicht. Auch wollte ich mich nicht an seinem Leid ergötzen oder schadenfreudig durch meine Wohnung hüpfen. Ich wollte lediglich meinem Entschluss treu bleiben. Und das war ich gerade – zu meinem eigenen Erstaunen. Ich bin doch noch für Überraschungen gut! Hätte nie gedacht, dass ich mal einen Kerl von der Bettkante schubse. Und bis zur Bettkante hatte Andreas es noch nicht mal geschafft.

Andreas ist einer meiner beiden Jo-Jo-Männer – mal melden, mal nicht, nach wochenlanger Funkstille wieder den Kontakt aufnehmen. Und während sich Florian kürzlich erklärt und sich die Sache damit für mich geklärt hatte, war Andreas in der Versenkung verschwunden. Bis zu jenem Abend als er vor meiner Tür stand.

Wir hatten die Tage zuvor mal wieder ein bisschen geschrieben. Eine Einladung zu ihm nach Haus hatte ich ausgeschlagen. Erstens musste ich lange arbeiten, zweitens war mir klar, worauf das hinauslaufen sollte. Meinen Vorschlag, wir könnten uns ein paar Tage später auf ein Getränk in einer Bar treffen, ignorierte er. Stattdessen rief er an, es war kurz nach halb zehn. Ich war gerade von der Arbeit nach Hause gelaufen, wollte fix duschen, was essen, lesen, ab ins Bett.

„Ich bin eben bei dir vorbeigefahren, aber du warst noch nicht zu Hause“, sagte er.
„Dann haben wir uns wohl gerade verpasst“, sagte ich und war nicht ganz unglücklich darüber. Wir plauderten, bis ich ihn abwürgte, weil ich zu frieren begann und unter die Dusche wollte.
„Ich schnapp mir mein Rad und bin gleich bei dir“, sagte er. Ich lachte, weil ich es nicht glaubte, denn er muss einmal quer durch die Stadt.

Kein Bier, nur Wasser, still
Aber 45 Minuten später klingelte er tatsächlich an der Tür. Grinste, kam rein, drückte mir einen Kuss auf den Mund noch bevor ich „Hallo“ sagen konnte. 1:0 für ihn. Die Überraschung war geglückt. „Möchtest du einen Tee?“, war alles was ich sagen konnte. Andreas fläzte sich aufs Sofa. „Ein Wasser wäre toll“, sagte er mit einem Unterton, der nach einem Bier verlangte. Konnte ich aber nicht mit dienen. Wollte ich auch nicht.

Während er es sich kuschelig machte, setzte ich mich in die andere Ecke des Sofas. Abwartend. Lange musste ich nicht warten. Er redete wie ein Wasserfall. Von sich, seiner Arbeit, seinen Ausflügen, seinen Hobbys, seinen Tinder-Dates, seinen Aufstiegschancen und Karriereaussichten. Dass er Nähe, Zärtlichkeit und Kuschelabende vermisse. Zu viel allein sei und jemand an seiner Seite fehle. Er fragte kaum, wie es mir geht. Und ich war froh, denn ich mochte ihm nichts erzählen, nicht von mir, nicht von meinem Urlaub, nicht von meinem Alltag.

Vor acht Monaten war das ganz anders. Und ich erschrak, dass es sich so schnell verändern konnte, was man für einen Menschen empfindet. Vor einem halben Jahr hatte ich mich in diesen Mann Hals über Kopf verknallt. Er hatte mich in einer Bar angesprochen, ich hatte ihm meine Nummer rübergeschoben. Er hatte mich angerufen. Er hatte eine Radtour, dann ein Picknick im Park organisiert. Wir erzählten, wir lachten und küssten – und ich dachte, dass ich nach mehr als zwei Jahren Singleleben wieder in der Lage sei, mich zu verlieben. Ich genoss diese Sommerverliebtheit, vielleicht ein wenig zu sehr, wollte zu viel und zu schnell, wollte festhalten und war gleichzeitig unschlüssig, ob ich überhaupt wollte. Wollte ich nicht lieber frei sein? Die Entscheidung nahm er mir ab, nachdem er mir nach einem vermaledeiten Telefonat per Whatsapp mitteilte, dass aus uns nichts werden würde – und abtauchte. Nach sechs Wochen stand er mit Wein und Entschuldigung vor meiner Tür – und verschwand zwei Tage später abermals in der Versenkung. Seitdem hatten wir uns nicht mehr gesehen, nur sehr unregelmäßig voneinander gehört. Meine Gefühle waren immer weniger geworden, auch wenn ich gern an die schönen Wochen im Sommer dachte.

Runter vom Sofa, raus aus der Tür
Nach einer Stunde hatte er sich auserzählt und war wieder bei der Entschuldigungsarie angekommen. „Tut mit leid, dass ich das letztes Jahr nicht hinbekommen habe.“ Ich nahm ihm die Entschuldigung nicht ab, zumal klar ist, dass ich die Nummer versemmelt hatte. Er setzte zur Umarmung, zum Knuddeln und Knutschen an. Ich wand mich, löste mich. Es fühlte sich nicht gut an. Vor acht Monaten war jede seiner Berührungen richtig. Jetzt wollte ich nichts zulassen, mich nicht fallenlassen. Natürlich vermisse ich auch ab und zu Zärtlichkeit. Aber diese Nähe würde mir sehr schnell wieder zum Verhängnis werden. „Andreas, du hast mir zwei Mal weh getan. Ein drittes Mal wird das nicht passieren. Bitte geh.“ Keine Ausflüchte, keine Ausreden. Direkt. „Zwei Mal?“, er sah mich fragend an. „Ein Mal war mir ja klar, aber …“ Okay, wenn er selbst das nicht gemerkt hatte, dann ist jede Minute auf diesem Sofa mit ihm verschwendete Lebenszeit.
„Was muss ich anders machen?“
Das fragt er jetzt nicht wirklich …
„Lass mich kurz überlegen … Echtes Interesse an mir haben? Dich auch mal melden, selbst wenn es nicht um eine Nacht geht. Dich entscheiden, was du willst – Freundschaft, Fick-Bekanntschaft oder Beziehung.“

Drei Dinge auf einmal – das war dann doch zu viel. Andreas startete noch einen Versuch, nicht durch die Nacht radeln zu müssen. Aber ich blieb unbeeindruckt. Nicht aus Boshaftigkeit oder Prinzip, sondern ich empfand einfach überhaupt nichts mehr für ihn. Noch nicht mal die notwendige Sympathie für eine Nacht. So stehe ich an der Tür, lausche seinen Schritten und beiße mir auf die Lippe. Das Lachen wäre kein heiteres. Eher vor entsetzter Erkenntnis – wie schnell sich Gefühle für einen Menschen wandeln können. Ich gehe ins Bad, schaue in den Spiegel und grinse – jetzt vor Erleichterung nicht schwach geworden zu sein.