Endlich sagt es mal jemand! Wie schrecklich das Muttersein sein kann. Nicht immer, aber manchmal. Jeder sieht es jederzeit und erzählt mir bitte nicht, dass ihr in diesen Situationen euch wie bolle freut, dass das Kind eures ist:

– quengelnde Kinder an der Kasse, die sich auf den Boden werfen und plärren, weil sie das Überraschungsei, die Gummibären oder das Kaugummi haben wollen.
– heulende Kinder, die sich auf dem Spielplatz mit Sand bewerfen, immer voll ins Auge
– Mütter, die drei Zehn-Kilo-Einkaufstüten in jeder Hand tragen und rechts und links noch ein Kind unterm Arm tragen

Seit einigen Tagen kursiert der Hashtag #regrettingmotherhood im Netz.

Auslöser war eine Studie der Israelin Orna Donath. Die Soziologin hat 23 Mütter zwischen Mitte 20 und 70 gefragt, ob sie sich nochmal für Kinder entscheiden würden, wenn sie die Wahl hätten. Alle sagten: Nein. Wichtig hierbei: Sie bereuen nicht ihre Kindern, denn sie lieben ihren Nachwuchs, sondern das Mutterwerden und all die Einschränkungen und Nachteile, die das mit sich bringt. Dummerweise geht das eine ohne das andere nicht – das Leben verändert sich zwangsläufig und fundamental, wenn man sich für Kinder entscheidet.

Ab in die Rabenmutterecke
Neunmalkluger Singlekommentar, oder? Meine Kinderlosigkeit disqualifiziert mich für jeden Kommentar. Weil ich ja nicht weiß, wie das ist. Denkt ihr. Aber ich sehe es doch auch – bei meinen Freundinnen, meinen Kolleginnen, im Alltag. Und auch während meiner letzten langen Beziehung war mir klar, dass ich die Verantwortung für Kinder nicht übernehmen möchte. Dass ich für die Veränderungen, die ein Kind mit sich bringt, nicht bereit bin.

Diese Meinung zu vertreten, wird mit ebenso viel Verachtung gestraft wie Mütter, die offen zugeben, dass sie ihre Kinder anstrengend finden. In den USA ist die Diskussion schon ein kleines Stück weiter. Es gibt es demnächst eine Konferenz für Nicht-Mütter, gerade ist ein Buch erschienen, in dem 16 Autoren ihre Entscheidung gegen Kinder begründen. Der Titel „Egoistisch, Oberflächlich, Selbstverliebt“ zeigt, wie Kinderlose in eine Ecke gedrängt werden – ebenso wie Mütter, die klagen.

Die Reaktionen auf #regrettingmotherhood zeigen es deutlich – es ist ein absolutes Tabu darüber zu reden, wie die kleinen Racker einem den letzten Nerv rauben können, die Haare vom Kopf fressen und vieles im Leben verkomplizieren. Jeder weiß es, aber wer sich beklagt, wird sogleich in die Rabenmutterecke gestellt. In der Folge sprechen Mütter viel zu selten darüber, wie es ihnen wirklich geht und hetzen ihrem alten Leben, ihrem Nachwuchs, den Ansprüchen der Gesellschaft und ihrem eigenen Perfektionismus hinterher.

Allein, wenn ich nur mal an die Ereignisse und Erzählungen meiner Mama-Freundinnen der vergangenen zwei Wochen denke, gibt es für mich etliche Situationen, in denen ich dachte und sagte: „Siehste, deswegen habe ich keine Kinder.“

– Verabredung mit Mutter 1 ist geplatzt, weil der Babysitter im Stau stecken blieb – und es sich dann auch nicht mehr lohnte, an dem Abend loszugehen.
– Verabredung mit Mutter 2 platzte, weil Kind 1 schlecht drauf war und Kind 2 erst Fieber bekam und dann kotzte.
– Verabredung mit Mutter 3 platzte, weil sie Milchstau hatte.
– Mutter 4 erzählte von der Eingewöhnung in der Kita. Eine Stunde Anfahrt, halbe Stunde da sein, Kind heult, eine Stunde Abfahrt.
– Mutter 5 setzt die Familienkutsche an einen Pfosten, aber man muss ja jetzt Kombi fahren, weil man ja Karre, Laufrad, Bobbycar und 23 Taschen mitschleppen muss.
– Mutter 6 klagt über mangelnde Fitness, obwohl sie das kleine Kraftpaket den lieben langen Tag durch die Gegend schleppt, wodurch nicht nur Verspannungen, sondern auch Hüftschäden und Tennisarme hervorgerufen werden
– Mutter 7 ist vollkommen von der Rolle, weil das Kind in der Nacht drei Mal am Bett stand und aufs Klo musste.

Hinzu kommen etliche kleinere Anekdoten und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, für die die Kleinen auch nichts können:

– Ärger mit dem Gatten, weil der nicht versteht, dass das Kind pünktlich Abendessen muss
– Diskussionen mit den Schwiegereltern über Fernsehkonsum und frühkindliche Medienerziehung (iPad für Zweijährige)
– Stress mit dem Partner, weil es nur noch ums Organisieren des Kindswohl geht, man sich gar nicht mehr lustvoll in Spitzenunterwäsche räkelt
– Kurzfristiger Streik des Kindergartenpersonals
– über vermaledeite Urlaube, verbaute Karrieren, langwierige Kitaplatz- oder Wohnungssuche wollen wir erst gar nicht reden

Wie oft werde ich um meine freie Zeiteinteilung, meine Nicht-im-Kinderhotel-Urlaube, meine langen Ausschlafsonntage beneidet? Niemanden abholen, niemand stößt sich fortlaufend Kopf, Knie oder Ellenbogen, meine Gute-Nacht-Lektüre besteht nicht aus Pixi-Büchern und kochen kann ich auch mehr als Möhrenbrei und Spaghetti Bolognese.

Kinder geben so viel zurück
Aber – mir ist auch klar, dass es für alle diese Gründe einen sehr guten Gegengrund gibt: Kinder geben so viel zurück. Und für jede Situation, in der Mütter ihre Kinder kurzzeitig verfluchen, gibt es zwei Momente, die das wieder glattziehen.

Ja, es sind oberflächliche Gründe, mich gegen Kinder zu entscheiden. Ich bin egoistisch und bin mitschuldig am Untergang des Wohlfahrtstaates, weil ich nicht für weitere Einzahler in die Rentenkasse sorge. Danke, ich kenne diese Argumente und kann sie nicht entkräften, aber gut damit leben.

Mit Anfang 30 wurde ich für meinen Entschluss noch milde belächelt, mir wurde gesagt, dass ich nur noch nicht den Richtigen gefunden hätte, dass das bei mir auch noch kommen würde, dass jede Frau Mutter werden will. Je älter ich wurde, desto insistierender wurden die Nachfragen – von meiner Familie, meinen Freundinnen, von Fremden. Je mehr ich mich auf die 40 zubewege, scheine ich glaubwürdiger zu werden – oder aber zum hoffnungslosen Fall. Heutzutage höre ich „Das kann ja schnell gehen, wenn da jetzt bald ein Mann kommt“ oder „Man kann auch mit über 40 noch Kinder bekommen.“ Ja, kann man, auch mit 65, wie man derzeit wieder liest. Wie gut, das werde ich allen entgegenhalten, die meinen, mir ein Horrorszenario aufzeigen zu müssen, dass ich auf Grund meiner Kinderlosigkeit an Alterseinsamkeit zu Grunde gehen werde.

Unabhängig von meinem Einzelschicksal finde ich viel wichtiger, dass jeder Lebensentwurf respektiert wird. Mütter sollen jammern dürfen – ohne angefeindet zu werden, so wie Kinderlosen ihre Entscheidung zugestanden werden sollte. Ich bin keiner meiner Mutter-Freundinnen böse, wenn sie eine Verabredung kurzfristig absagt oder wenn sich während unseres zweistündigen Treffens alle zwei Monate alles um das eine Kind dreht. Es gibt gute Gründe dafür. Aber es gibt eben auch gute Gründe für ein Leben ohne Kinder.