Als ich das erste Mal hörte, wie der Milchschaum knisterte, habe ich mich erschrocken. Nicht, weil ich den Verfall des Gebildes aus Milch und Luft auf meinem Chaitee bedauerte, sondern weil mir schlagartig bewusst wurde, wie still es um mich herum ist. In der Wohnung, im Haus, draußen auf der Straße.

Gerade ist es wieder so weit. 8.23 Uhr am Sonntagmorgen. Die Sonne scheint durchs Fenster – und der Milchschaum knistert. Ich genieße die Ruhe, aber räuspere mich fix und raschle noch ein bisschen mit den Zeitungsseiten, damit es nicht ganz so still ist. Ich liebe frühstücken, und ich betreibe – auch wenn ich allein am Tisch sitze – einigen Aufwand, wenn ich die Zeit habe. Kerzen, Blumen, hübsches Geschirr – schöner frühstücken. Mal backe ich Brötchen, mal Pfannkuchen, ein Ei muss auch sein, mal schnipple ich Obstsalat. Stünde unangekündigter Besuch vor der Tür – oder würde neben mir aufwachen – ich wäre vorbereitet. Aber deswegen mache ich das nicht. Ich mache es, so wie meine Freundin Nina es neulich erstaunt ausdrückte, weil ich es mir wert bin. Warum sollte ich das Frühstück weniger genießen, nur weil ich es allein esse?

Und dennoch: Sonntags fällt mir besonders auf, dass ich Single bin – egal, wie sehr ich den Sonntagmorgen und das Leben allein genieße.

1. Mitleid beim Bäcker
„Guten Morgen, ich hätte gern zwei Brötchen, ein Schwarzbrotbrötchen und ein Rosinenbrötchen.“ Das sind die ersten Worte die ich am Sonntagmorgen spreche, vielmehr – krächze. Wie häufig hat mich die Bäckereifachverkäuferin schon mitleidig bis fragend angeschaut. Immer wieder bin ich versucht zu sagen: „Nein, ich habe nicht gesoffen, nur noch nicht gesprochen.“ Vielleicht sollte ich vor dem Gang zum Bäcker ein paar Seiten laut lesen, um die Stimme zu ölen. Manchmal bestelle ich auch sechs Brötchen, weil alle um mich herum „Zehn Brötchen, bitte“ bestellen und ich nicht mit so einer Mini-Tüte nach Hause trotten will.

Bettleere
2. An einem perfekten Sonntag wache ich auf, wenn ich ausgeschlafen habe und kann mich noch drei bis 18 Mal im Bett umdrehen. Platz ist ja genug. Ich könnte „Mein rechter, rechter Platz ist frei“ spielen.

Das Brummen
3. Apropos spielen – als ich noch regelmäßig neben meinem Ex (also damals noch nicht Ex) aufwachte, war Sonntagmorgen der perfekte Tag für Guten-Morgen-Sex. Ist er immer noch. Wenn ich Glück habe, auch beim Nachbar über mir, dann kann ich ohne Hemmungen den Vibrator benutzen. Kann nicht mal jemand einen Schalldämpfer dafür erfinden?

Musik
4. Gegen Geräuschlosigkeit am Frühstückstisch hilft Musik. Fenster auf, Frühlingssonne rein, Anlage an. Bei mir läuft gerade

Laut genug, um den Milchschaum zu übertönen.

Twitter – der Hort der Singles
5. Nicht nur im Haus und auf der Straße ist das Leben noch einen halben Takt langsamer, auch in den sozialen Netzwerken. Bei Facebook und Twitter sind Mütter, Väter und Singles schon aktiv. Allein für den Sonntagmorgen ist der Name „soziales Netzwerk“ gerechtfertigt; mehr Zuspruch erfährt man sonst nirgends. Ich kann mir sogar ein Schokocroissant bestellen.

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Schimmel im Glas
6. Kaffee, Milch, Brötchen – das hat geklappt. An der Marmelade scheitert es. Würde beim Aufschrauben des Marmeladenglases ein Jingle ertönen, es hätte gerade „düdüüüm“ gemacht. Schimmel! Noch nicht das grüne Pelzstadium, aber schon ungenießbar. Schade, war die gute von Mutti, und sie gibt mir schon extra die kleinen Gläser. Aber allein kann man gegen den Verfall nicht anessen.

Das Telefonat mit Mutti
7. Da klingelt schon das Telefon. Die eigene Mutter weiß, dass ich die Samstagnacht allein im Bett verbracht hab.
„Kind, so wird das nichts, du musst auch mal wieder unter Leute.“
„Jaja. Und was machst du so heute?“

Instagram meinen Sonntag
8. Noch schnell ein Foto vom Frühstücksarrangement machen, twittern, posten und auf Instagram teilen. Seht her, ich kann gut für mich allein sorgen. Die vier Likes sind die Bestätigung des Sonntags.

Die anderen wachen auf
9. Endlich! Es kommt Bewegung in die Whatsapp-Gruppen. Die Feiernden wachen auf. Paare wollen brunchen gehen. Zeit für ein zweites Frühstück für mich, diesmal in Gesellschaft und Grund genug, die Schlubberhose auszuziehen. In der hätte ich sonst auch bis zum Ertönen der „Tatort“-Melodie den Tag verbracht.