Der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor, war, als das zaghafte Stöhnen der fülligen Fünfzigjährigen in Grunzen überging. 50 Zentimeter neben meinem Kopf wurde so lautstark gekeucht, dass ich nicht mehr knutschen, sondern nur noch grinsen und kichern konnte. Anderen Menschen beim Sex zuzuhören verstört mehr, als dass es erregt. John und ich hatten uns gerade einigermaßen entspannt und so getan, als lägen wir auf dem heimischen Sofa und nicht auf einer roten, abwischbaren Liegewiese aus Kunstleder. Ich hatte zwei Gin Tonics, er drei gebraucht, damit wir halbwegs ausblenden konnten, dass wir umringt von wenig bekleideten Menschen waren, die allesamt freudlos schienen, obwohl es doch hier um die schönste Sache der Welt gehen sollte.

Seit eineinhalb Stunden waren wir im „Paradies“, einem Swingerclub. Wie sich das für ein verruchtes Etablissement gehört, lag es im Industriegebiet, in einem Flachdachbau, der auch eine Fabrik beherbergen könnte. Gegenüber war ein islamisches Zentrum, der Eingangsbereich war dämmerlichtig und mit Samtsofas bestückt. Der Portier trug weiße Haare, einen gezwirbelten Schnauzbart und eine Lederweste. Beinahe wären wir an dem Kerl gescheitert, denn er wollte Cash sehen, wir hatten aber nur Karte. Dank meiner Anfänger-Skepsis hatte John dem Taxifahrer gesagt, er solle doch fünf Minuten warten, falls es uns nicht gefiele. Also kurvten wir zu Dritt durch diese seelenlose Gegend auf der Suche nach einem Geldautomaten. In den zwanzig Minuten hoffte ich mindestens fünf Mal, dass wir keinen finden würden. Aber irgendwo kommt immer Geld aus der Wand, und meine Neugier siegte über mein Bedenkenträgertum.

Dresscode wie im Schwimmbad
Ich besuchte für eine langes Wochenende Freund John – ein Städtetripp mit Benefits. Lange geplant war der abendliche Ausflug nicht (zumindest nicht von meiner Seite). Eher ein spontaner Vorschlag nach dem Abendessen – quasi statt Dessert. Vielleicht wäre eine doppelte Portion Schokoladeneis schöner gewesen. Aber erstens wollte ich mir schon immer mal einen Swingerclub von innen anschauen und zweitens kein Spielverderber sein. „Wir gehen sofort, wenn du dich nicht wohlfühlst“, hatte mir John versprochen. Für ihn war es nicht das erste Mal. Ich hatte ihm geschildert, wie ich mir so einen Club vorstelle: Schummerlicht, Eurodance-Musik, Spiegel an den Wänden und der Decke, mehr Männer als Frauen, alle über 40 und eher mit einer Statur, die mehr Textil vertragen würde als in einem Swingerclub getragen wird.

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Alle meine schlimmsten Vorstellungen sollten übertroffen werden – und zwar bereits nach fünf Minuten. Wir gingen in die Umkleidekabine „Für Paare und Frauen“, auch wenn wir kein Paar waren, aber das tat dort nichts zur Sache. Wir kamen zu zweit, mehr braucht es nicht. Neonlicht, geflieste Böden, Spinde wie im Schwimmbad. Das Teil, in das sich die Dame neben mir gerade reinzwängte, wäre auch fast als Badeanzug durchgegangen, wären da nicht ihre kniehohen Stiefel gewesen. Ihr Gatte hatte sich einen String mitgebracht, der durch zwei nietenbestückte Lederriemen ergänzt wurde, die die Pobacken einrahmten. Über den Dresscode „Frauen sexy, Männer in Boxershorts“ hatte ich mich am Eingang echauffiert. Jetzt wäre ich froh, wenn sich alle daran halten würden. Zwei Meter von mir entfernt hüllte sich ein Typ in einen ledernen Lendenschurz und beklagte sich bei seiner Begleiterin, die den passenden Tiger-Tanga trug, dass er nicht wüsste, wohin mit den Zigaretten. John hatte mir ein Kleid mitgebracht, dass ich unter normalen Umständen als Fetzen beschreiben würde – mehr Löcher als Stoff. Aber ich kam mir geradezu manierlich gekleidet vor.

Handtuch unterm Arm, Drink in der Hand
Mit dem Handtuch unterm Arm betraten wir die Bar. Wie gedacht: wummernde Bässe, Diskokugeln im Schummerlicht, Spiegel, Stangen, Kondom- und Kleenex-Spender alle paar Meter. „Ich brauche erstmal einen Drink“, sagte John und ging zielstrebig auf die Bar zu. Ich umrundete das Buffet: Erbsensuppe, Wurstplatte, eingelegtes Gemüse, Fleischbällchen, Schokoriegel für den kleinen Hunger zwischendurch. Vielleicht lieber doch einen Gin Tonic …

Mit unseren Drinks in der Hand suchten wir uns einen Platz (Handtuch drunter nicht vergessen!) auf der Couch. Es war gerade hell genug, um schemenhaft die anderen Paare zu erkennen. Aber ich sah mehr als ich wollte. „John, ich möchte nicht von nur einem dieser Kerle angefasst werden.“ Mit einer leichten Kopfbewegung zeigte ich auf einen Mann, der die 60 sicherlich schon weit überschritten hatte. Er hatte sich von einer ebenfalls älteren Damen gerade einen blasen lassen und ließ sich nun sichtlich geschwächt auf einer Bank uns gegenüber nieder. Er wirkte gebrechlich und bewegte sich als hätte er einen Rollator gebrauchen können. „Musst du ja nicht. Wie wäre es mit einer Frau?“ John guckte an mir vorbei. Hinter mir arbeitete sich eine recht junge, extrem schlanke Blondine am Schwanz eines reiferen Herren ab.
„Die hat doch aber gerade noch dem jungen Dunkelhaarigen da drüben einen geblasen“, war meine leicht entsetzte Antwort.
„Willkommen im Swingerclub, meine Liebe“, sagte John und grinste.
„Schon klar, aber innerhalb von zehn Minuten finde ich das eine beachtliche Leistung.“

Sex ohne Lust
Beeindruckt war ich irgendwie schon. Aber erotisiert – nee, nicht wirklich. Dazu war die Atmosphäre alles andere als lustvoll. Auf den Bildschirmen liefen Hardcore-Pornos, eher abtörnend als anheizend. Wenn um uns herum ein Paar Sex hatte, dann suchte er meistens bei ihr orale Befriedigung, ganz ohne Wimpernzucken und lautlos. „Selbst bei der ersten Hochrechnung der Bundestagswahl würde er mehr Gefühlsausbrüche zeigen“, sagte ich trocken. „Darf man hier nicht laut sein? Oder haben die alle keinen Spaß?“ Die Gleichgültigkeit und scheinbare Lustlosigkeit entsetzte mich mehr als alles andere.

„Komm, wir suchen mal das Schwimmbad“, sagte John. Vorbei an abgedunkelten Räumlichkeiten, in die man durch großflächige Scheiben gucken und geschäftiges Treiben bestaunen konnte, bahnten wir uns unseren Weg durch das verwinkelte Gebäude. Verschiedene Saunen, Dampfbäder, eine Schaukel, die mehr an einen Gynäkologenstuhl erinnerte und bedauerlicherweise gerade nicht benutzt wurde, eine Dachterrasse und ein Schwimmbad mit pseudoantiken Statuen und Säulen. Man hatte sich Mühe gegeben. Aber auch die Sauna konnte mir nicht so richtig einheizen.

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Kaum bewegte ich mich ein paar Schritte von John entfernt, drehten sich die Kerle nach mir um. „Ihr müsst mich nicht mit euren Blicken ausziehen, ich bin schon nackt“, dachte ich. Anstatt zu schwimmen oder zu schwitzen gingen wir zurück an die Bar, um dann bei einem weiteren Drink der Liegewiese noch eine Chance zu geben. Die junge Blondine ging mit gutem Beispiel voran und hatte sich Mann Nummer drei zur Brust genommen. John und ich knutschen, meine Hand wanderte in seine Boxershorts und seine unter mein Kleid. Und dann … begann das Stöhnen kurz hinter unseren Köpfen.

Das Gegrunze ließ auch bei John jede Lust versiegen. „Wollen wir gehen?“ sagte er unvermittelt, mehr hoffend als fragend.
„Jetzt schon?“ Ich war ernsthaft enttäuscht. Zwar hatte die Situation jegliche Erotik verloren (besser: noch nie gehabt), aber jetzt war ich im Luhmannschen Status der teilnehmenden Beobachtung. So ganz ohne Sex diese Räume zu verlassen, kam mir wie ein grobes Foul vor. Aber er hatte ja Recht – warum etwas erzwingen? Und während sich neben uns Mann Nummer vier von der Blondine bedienen ließ und gegenüber zwei Männer auf ein Paar starrten, dass sich gerade oral befriedigte, rollten John und ich unsere Handtücher zusammen. Abgang. Im Taxi zog John dann das Fazit: „Zwei von drei Clubs sind großer Mist.“ Na, dann bin ich gespannt auf Nummer zwei und drei …