Sonntagabend, an einem dieser langen Wochenenden. Ich stehe vor meiner Wohnung, setze die Tasche ab, suche nach dem Schlüssel und freue mich auf die Stille, die hinter dieser Tür liegt und mich gleich empfängt. So lange ich allein lebe, fand ich diese Ruhe noch nie schlimm. Ganz im Gegenteil. Es gibt nicht wenige Abende, an denen ich mich darauf freue. Lasse Musik und Fernseher aus, schalte das Telefon stumm.

Ich war das Wochenende mit vielen Freunden unterwegs. Rund um die Uhr war jemand in meiner Nähe. Wir haben gemeinsam gefrühstückt, die Stadt angeguckt, geshoppt, gelacht, gekocht, gegessen, gefeiert. Und ich liebe diese Wochenenden – und meine Freunde, gar keine Frage, und ich hatte auch währenddessen mal eine halbe Stunde allein. Aber dieses Nach-Hause-kommen-und-ich-muss-jetzt-nicht-mehr-reden-Gefühl ist gerade richtig gut. Zumindest zehn Minuten lang. Denn dann knurrt mein Magen und der gähnend leere Kühlschrank antwortet. Die Kombination Spiegelei und Marmelade wäre möglich. Oder Nudeln/Reis/Quinoa/Bulgur mit Senf. War hier nicht noch irgendwo Pesto? Nein. Satt ist, wer schon vor dem Wochenende an das Ende denkt …

Pizzabote ist keine Alternative
Ich weiß, dass ein nicht verschwindend geringer Teil der Leserschaft jetzt denkt: „Ja, dann ruf dir doch den Pizzaboten!!!“ Nein. Mache ich nicht. Nennt es dämlich, Macke oder Prinzip. Ich mag es nicht, wenn Männer mit Papp- und Styroporverpackungen unterm Arm die Treppen hoch hetzen und mir halb erkaltetes oder fettiges oder verkochtes Essen in die Hand drücken. Es erinnert mich an Überstunden, nicht an ein gutes Sonntagabendessen.

Sich spontan bei einer Freundin drei Straßen weiter einladen, ist heute keine Alternative. Also Schlüssel und Portemonnaie schnappen und wieder unter Leute. Nur schnell zum vietnamesischen Restaurant, 500 Meter weiter, ein Curry bestellen und dann die Styroporverpackung selbst die Treppen hochtragen.

„Ich würde gern was zum Mitnehmen bestellen“, sage ich und noch während ich auf die Vorspeise-Seiten der Karte blicke, überlege ich mir, dass ich hier bleibe. Hinsetzen. Allein an einen Tisch. Essen ohne reden, ohne Zeitschrift und ohne – kurz zögere ich als ich das realisiere – Handy. Nicht, dass ich einen dringenden Anruf erwarte, wer wird denn heute schon noch angerufen, aber das Smartphone liefert genügend Whatsapps, Mails und Facebookstatus-News als Begleitmusik für die Dauer eines Zwölf-Gänge-Menüs. Und so ganz ohne Beschäftigung und Ablenkung – ich allein mit mir?!

So normal, so ungewöhnlich
Es ist keine große Sache, keine Revolution, aber ich freue mich über meine Entscheidung, weil ich merke, dass ich in meiner eigenen Stadt noch nie allein essen war. Lehne mich zurück und gucke mich um: Zwei Paare, davon eins noch in der Anbahnungsphase, zwei Freundinnen, die den gestrigen Abend und die männliche Ausbeute so lautstark diskutieren, dass ich mich nicht mal anstrengen muss, um etwas zu hören (es war ein Reinfall, auf beiden Seiten und hat keine Zukunft) und ein einzelner Herr, der die gesamte Essenswartezeit auf der Tastatur seines Laptops herum klöppelt. Ab und an schaut er auf und blickt in meine Richtung. Nicht flirtend, eher verwundert. Denn: Ich mache nichts. Also fast – sitze, gucke, denke, rühre in meinem brühend heißen Ingwertee.

Mit jeder Löffelumdrehung werde ich ruhiger, freue mich mehr. Neben mir auf der Bank lässt sich ein Typ fallen, er holt nur schnell für sich und seine Freundin die Nummer 74 und 80 und eine extra Portion Reis, überbrückt die Wartezeit mit seinem Smartphone. Der Laptop-Mann bekommt sein Essen und verschlingt es in fünf Minuten. Ein Mädel in meinem Alter kommt mit ihrem Hündchen rein, bestellt, geht Gassi, holt ihre Suppe ab. Noch ein Paar schlurft herein. Und noch eine Frau ohne Begleitung, auch sie guckt nur aufs Handy. Würde ich auch machen, wenn ich meins nicht zuhause liegen lassen hätte.

Einer geht noch – an der Bar
Vielleicht sagt das hier mehr über das Smartphone-Zeitalter aus als über das Singledasein. Aber ich merke, wie es mir schwer fällt, einfach mal nichts zu tun, sich nicht abzulenken. Wenn ich zuhause koche, dann blättere ich beim Essen in Zeitschriften, gucke Fernsehen, klicke am Rechner – und frage mich manchmal hinterher, wie das eigentlich gerade geschmeckt hat, was ich gegessen habe.

Diese Ablenkungen vom Wesentlichen gibt es jetzt gerade nicht – und das freut mich so. Es entspannt. Vermutlich weil ich mich an die vergangenen Urlaube erinnere, in denen ich allein unterwegs war: Coffee-to-go wurde in Gläsern mit Schraubverschluss serviert, damit beim Klettern ins Baumhaus nichts verschüttet wurde, Pancakes mit Papaya und Meerblick, frisch gebrühter Kaffee und im Raum nebenan wird noch geröstet. Hier angele ich mit Stäbchen im Curry nach Gemüse und amüsiere mich ein bisschen über mich selbst, dass mir diese banale Situation so viel Ruhe und Zufriedenheit schenkt.

Ins Café setzen, wenn die Sonne auf den eigenen Balkon nicht mehr scheint, – das mache ich häufiger. Allein essen – warum habe ich das noch nie gemacht? Weil ich so gern koche, vollkommen klar, erkläre ich mir fix. Das ist auch günstiger, schiebe ich hinterher. Niemand guckt komisch, wenn ich allein esse. Hier aber auch nicht, mal ehrlich. „Das ist nur dein komisches Gefühl, weil ‚ein Tisch für zwei‘ so viel gewöhnlicher klingt“, sage ich mir. Konsequent wäre jetzt noch ein Absacker allein in einer Bar, direkt an der Theke. Aber konsequent kann ich ja auch morgen noch sein.