„Allein in die Kneipe? Musst du unbedingt machen. Das ist spitze.“ Die Stimme meiner Freundin überschlug sich fast. Sie hatte meinen letzten Blogeintrag gelesen – und war ganz begeistert von der Ruhe, die der Text ausstrahlte. Andere Leser lasen Einsamkeit oder Melancholie darin. Sie kennt mich besser als meine Leser und lobte mich geradezu für die Unaufgeregtheit. Manchmal ist sie erheitert, manchmal aber auch geradezu genervt von meiner Rastlosigkeit, immer Action, immer noch drei To-dos auf dem Zettel, nie Langeweile.

1. An die Theke
Wir diskutierten, ob Bar oder Bierkneipe der richtige Ort für ein Getränk allein in der eigenen Stadt sei und malten uns Szenarien aus, was wohl passieren würde, wen wir ansprechen und wen wir nur anstarren würden. Und wieder waren wir schnell an dem Punkt, dass wir die Vorstellung höchst amüsant fanden, aber würden wir es wirklich in die Tat umsetzen? Oder beim nächsten Bierdurst doch allein zu Hause trinken oder so lange Freunde anrufen bis einer mitkommt?

„Ja, wovor hat man eigentlich Angst? Doch nur vor dem Gefühl der Einsamkeit. Wenn man allein dort sitzt, um sich herum nur Paare oder Gruppen sieht, und sich plötzlich im direkten Vergleich wie Hans Wurst fühlt. Was eigentlich kompletter Quatsch ist, denn die beste Unterhaltung ist ja die Beobachtung der anderen. Man kann sich da so wunderherrliche Geschichten ausdenken“, monologisierte meine Freundin.
„Oder einfach mal nur da sitze und versuchen an nichts zu denken, einfach mal genießen, dass man nicht redet, nicht denkt, nicht diskutiert“, warf ich ein. Danach ist mir gerade nämlich sehr. Dieses Singleleben-Ding verläuft in Phasen – wie jedes andere Leben auch – und gerade ist es mir der Beziehungsstatus so unwichtig wie noch nie. Das ist für dieses Blog jetzt nicht gerade förderlich, für mein Leben aber schon.

2. Raus in die Welt
Letztes Jahr im Sommer fühlte ich mich bereit für eine neue Verknalltheit. Eigentlich. Meine Sorge war jedoch: Wenn ich jetzt jemanden kennen lerne, kann ich nicht mehr allein in den Urlaub fahren. Vollkommener Blödsinn, schon klar. Letztlich zeigte mir der Gedanke, dass ich überhaupt nicht bereit bin, mich zu binden. Und: Wieder allein auf Reisen gehen möchte. Hatte ich das letzte Mal gemacht als ich gerade 18 war – mit dem Rucksack nach Wales, Volunteercamp, verliebt in einen langhaarigen Franzosen, ach, was für ein Sommer.
Und mit nahezu doppeltem Alter war ich wieder los – mit dem Rucksack nach Asien, Strände, Tempel, Sport. Kein Franzose, aber die Erkenntnis, dass allein reisen unschlagbar schön ist. Niemand sagt, wann es wohin geht. Ich entscheide, wann ich aufstehe, ob ich an den Strand gehe, mir die Stadt erlaufe, ein Museum angucke oder drei Kaffees trinke. Ich muss mich allein durchschlagen, wenn die Kreditkarte nicht funktioniert, der Vermieter mich über den Tisch ziehen will und ich mich verlaufe. Natürlich finde ich das erst verdammt überflüssig und wünsche mir Pauschalurlaub, aber ich würde immer alles so wieder machen. Allein kann man überhaupt nicht verhindern, dass man großartige Leute kennen lernt, mit denen man ein Bier trinkt, einen Berg erklimmt oder mit leuchtendem Plankton schwimmt. Ja, das kann man auch alles mit einer Freundin erleben, aber nie ist man so offen für neue Menschen, wenn man allein unterwegs ist.

3. Kino, Konzert, Kultur
Warum geht man eigentlich immer zu zweit oder in Gruppen ins Kino oder zum Konzert? Für den Anlass des Abends braucht man niemanden – man will gucken und zuhören, maximal mitsingen und -tanzen. Mich nervt ja nichts mehr als Gespräche im Kinosessel hinter mir – auch wenn da vorn noch die Werbung läuft. Und Gequatsche auf Konzerten? Geht in eine Kneipe wenn ihr reden wollt. Aber dennoch – für den Kinobesuch sucht man ebenso wie für den Konzertabend eine Begleitung. Ein paar Mal war ich allein, weil ich unbedingt Y’akoto und Erlend Øye sehen wollte und niemand mitwollte. Es war großartig, mir hat nichts gefehlt. Denn die Pärchen um mich herum hätten auch geknutscht, wenn ich mit einer Freundin dort gestanden hätte. Auch die Gespräche über den Film oder die Musik hinterher habe ich nicht vermisst; denn mal ehrlich, wie tiefschürfend sind die? Meistens bleibt es doch bei einem „schön war’s“ beim Getränk hinterher.

4. Sex
Da bin ich doch wahrlich dem Irrglauben aufgesessen, dass ich als Single mehr Sex hätte als in meiner letzten Beziehung. Lassen wir es jetzt mal dahin gestellt, ob ich jetzt besonders wenig habe oder damals ungewöhnlich viel. Fakt ist: Quantitativ ist es jetzt weniger. Zumindest zu zweit. Auf Orgasmen verzichten ist keine Alternative. Masturbieren schon, war es auch in der Beziehung. Daher würde ich es auch nie als Sex-Ersatz verstehen, so wie ich das kürzlich in der „Neon“-Sex-Kolumne von Sascha Chamowicz las. Eine Frau hatte ihm erzählt, dass Sex für sie nicht wichtig sei. Sie wisse, welche Knöpfe sie drücken müsse, um allein zu kommen. Das klang furchtbar mechanisch, wenig lustvoll. So wie ich in den ersten zwei Jahren meines Singlelebens vergessen hatte, mir schöne Unterwäsche zu kaufen. War nicht wichtig. „Sieht ja eh keiner.“ Kompletter Blödsinn – wie mir irgendwann auffiel. Ich sehe sie ja – und wer sollte gerade wichtiger sein.

5. Kochen
Bleiben wir beim Thema (selbst) Verwöhnen, das kommt einfach zu kurz bei vielen Singles. Allein in der Küche zu schnippeln, braten, rühren und abschmecken ist toll. Ich werde oft gefragt, ob ich den Aufwand wirklich für mich allein betreibe, wenn ich auf dem Markt einkaufe, morgens schon einen riesige Schüssel Obstsalat mache und abends auf jeden Fall noch einen Nachtisch backe. Für wen denn sonst? Einmal entgegnete ich meiner Freundin Nina: „Ich bin es mir wert.“ Das klang ein bisschen nach Light-Margarine-Werbung aber ist seitdem ein geflügeltes Wort zwischen uns. Mit dem gleichen Argument werden der Tisch schön gedeckt und Blumen gekauft.

Das Leben ist zu kurz für Nichtbeachtung des Selbst und Verkrümeln auf dem Sofa, nur weil man keinen Partner hat. Also raus da. Jetzt. Ein Ratschlag bekam ich noch von meiner Freundin. „Setz dich direkt an die Theke. Da erlebst du am meisten.“ Es kommt jetzt wohl wirklich auf einen Versuch an. Mir wäre Bier lieber als Bar. Nur, falls wer mitkommen möchte …