Ich musste den Satz drei Mal lesen, bevor ich ihn verstand: „Ich denke, du solltest wissen, dass ich nicht monogam lebe.“ Als ich dann kapierte, warum John ihn mir schrieb, musste ich lachen, herzhaft lachen. In wenigen Tagen sollte mein Flug gen Süden gehen. John hatte mich eingeladen, meinen Urlaub bei ihm zu verbringen – großes Haus, viel Sonne, Lebensleichtigkeit. Und er dachte nun also wirklich, dass nur weil ich mich zwei Wochen bei ihm einquartiere, ich mich in sein Liebesleben einmischen würde? Dass er kein Kind von Traurigkeit ist und er sein Junggesellenleben in vollen Zügen auskostet, war mir bewusst, auch wenn ich ihn erst kurz kannte. Nett, dass er es noch einmal offiziell betont. War das eine Rückversicherung? Für den Fall, dass ich mich verknallen sollte und eine Drama-Szene am Pool planen würde? „Zeugt ja von nicht wenig Selbstbewusstsein“, dachte ich und musste immer noch lachen. Ja, sicherlich war John interessant, attraktiv und witzig. Aber nicht so, dass ich mich verlieben wollte, eher befreunden.

Nachdem ich die Lachtränchen getrocknet hatte, schrieb ich John zurück: „Vielen Dank für die Info. Entspann dich! Ich lebe auch nicht monogam. Ich bin Single, genieße mein Leben und komme sicherlich nicht mit Heiratsabsichten.“ Als ich die Mail abgeschickt hatte, merkte ich, dass ich den Kern seiner Botschaft nicht verstanden hatte. Dieses Wörtchen „monogam“ hatte er nicht ohne Grund geschrieben.

Das kleine Wörtchen monogam
Wenn es ihm nur darum gegangen wäre, mir mitzuteilen, dass er – egal was passiert – keine Beziehung will, hätte er das mit eben diesen Worten tun können. Und das würde ich jedem Mann hoch anrechnen – mit offenen Karten spielen. Auf den Kopf zugesagt klingt dieser Beziehungsausschluss hart, aber wenn jemand der festen Überzeugung ist, dass er nicht mehr als eine lose Affäre haben möchte, ist es nur fair allen Beteiligten gegenüber.

Das ist es bei John aber nicht. Ganz im Gegenteil. John möchte mehrere Beziehungen führen, polyamor leben. John sagt, dass er in der Lage sei, mehrere Menschen gleichzeitig zu lieben. Und das ist beileibe nicht auf die körperliche Liebe reduziert. Bevor ich John kennenlernte, war das für mich ein Ding der Unmöglichkeit, gar eine schöne Umschreibung für diejenigen, die sich nicht entscheiden können und wollen, die nicht genug bekommen können.

Monogam ist die Lebensform, die gesellschaftlich akzeptiert ist. Irgendwann zwischen 18 und Mitte 30 soll ein jeder seinen Partner ehelichen oder zumindest in einer festen Partnerschaft leben, nach Möglichkeit Kinder zeugen. Wenn sich jemand nicht fest binden mag – aus welchen Gründen auch immer -, heißt es bei Männern oft, der müsse sich noch austoben, bei Frauen, ihre Ansprüche seien zu hoch. Getuschelt wird über beiderlei Geschlecht; denn eine feste Beziehung gilt als das Ideal. Wer sich stattdessen hinstellt und sagt, er pflegt Liebesbeziehungen zu mehreren Menschen, rechnet mit mehr als schiefen Blicken und Kopfschütteln. Ein Seitensprung, ein Ehebruch, eine mehrmonatige Affäre – alles zu entschuldigen und im Jahr 2015 kein gesellschaftliches Drama mehr. Menschen, die polyamor leben und lieben, haben hingegen Seltenheitswert. Das Statistische Bundesamt erhebt dazu keine Zahlen, natürlich nicht … Aber so um und bei 10.000 Menschen in Deutschland könnten es sein. Und ausgerechnet ich treffe auf so jemanden!

Knutschen und nebenbei tindern

Im Urlaubsdomizil von John vermochte ich anfangs nicht die Unterschiede zum sprunghaften, bindungsunwilligen Junggesellen erkennen. Auf einer Gartenparty zeigte er mir unauffällig mit welchen Mädels aus seinem Bekanntenkreis er schon was hatte. Es wäre einfacher gewesen, es anders herum zu erzählen … Mal schlief seine – wie ich sie nannte – Hauptfreundin bei ihm, am nächsten Tag übernachtete er aushäusig, aber nicht bei ihr. Ich stellte diese „Poly-Sache“ wutschnaubend in Frage, als wir uns mal engumschlungen den weltromantischsten Sonnenuntergang anschauten und er nebenbei noch tinderte. Den Dialog, nun ja, es war wohl eher ein Monolog, kann ich nicht mehr eins zu eins wiedergeben, aber er könnte sich so abgespielt haben:

„Sag mal, du kannst wohl auch nicht genug kriegen? Wir sitzen hier, die Sonne versinkt im Meer, der Champagner perlt, so eine romantische Situation hatte ich seit Monaten, ach was, seit Jahren nicht mehr und du suchst die nächsten drei Dates?!“
„Aber ich habe dir doch gesagt …“
„Ja, nicht monogam, nicht exklusiv, blabla. Ich rede auch nicht vom Leben, sondern von diesem Abend. Noch nicht mal vom Abend, sonder von dieser Stunde. Du solltest doch in der Lage sein, dich wenigstens in diesem Moment auf mich zu konzentrieren. Das hat doch auch nichts mit polyamor zu tun, sondern mit einer Aufmerksamkeitsstörung.“
„Warum regst du dich denn so auf? Sag doch einfach, ich soll das Telefon weglegen und gut ist.“
„Entschuldigung, aber das halte ich für eine Selbstverständlichkeit. Dass muss ich doch wohl niemandem sagen und wenn, dann hat es dieser jemand einfach nicht verdient, dass ich den Abend mit ihm verbringe. Ich habe in meiner letzten Beziehung so viel um Aufmerksamkeit, Liebe und Anerkennung gekämpft, dass ich überhaupt keine Lust habe, das auch nur einen Abend lang zu wiederholen. Wer keine Lust auf meine Gesellschaft hat, der lässt es halt.“
Ich war überhaupt nicht mehr zu bremsen, redete mich flott in Rage, wollte mich selbst stoppen, konnte es aber nicht. Die Sonne war mittlerweile untergegangen. Aber John immer noch die Ruhe selbst. Er steckte sein Handy weg und fragte: „Willst du noch Prosecco?“ Er grinste, weil er merkte, dass ich mir in den vergangenen Tagen Gedanken über Polyamorie gemacht hatte. Etwas, was ich anfangs strikt abgelehnt hatte.

Lass uns polyamor reden

Ich weiß auch Wochen nach diesem Sonnenuntergang nicht, wie ich zur Monogamie-Frage stehe. Fakt ist: Sehr viele Menschen wünschen sich den einen Partner im Leben, schwören sich ewige Treue – und scheitern. Knapp 170.000 Ehen wurden in Deutschland 2013 geschieden. 36 Prozent aller Ehen, die in einem Jahr geschlossen werden, werden in den nächsten 25 Jahren geschieden. So was weiß das Statistische Bundesamt.
Die Statistiker sagen zwar nicht, warum die Ehen scheitern, aber ein häufiger Trennungsgrund dürfte sein, dass einer von beiden fremdgeht – für viele immer noch ein unverzeihlicher Vertrauensbruch. Warum ist Treue ein so erstrebenswertes Ziel, wenn es so unmöglich erscheint? Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Ich glaube nicht an diese eine Liebe des Lebens, eher an mehrere Lieben im Laufe des Lebens. Die Ehe ist für mich daher kein brauchbares Konzept. Aber ich stehe auf Treue innerhalb einer Beziehung. Wenn ich merkte, dass ich nicht mehr treu sein wollte, habe ich meine Beziehungen beendet.

Durch John denke ich über diese Grundsätze nach. Ich werfe sie nicht über den Haufen, aber ich beschäftige mich zumindest damit, dass es auch andere Varianten gibt. An meinem letzten Abend bei ihm wollte John mich sehr nobel zum Essen ausführen. Als ich am Nachmittag vom letzten Shopping in mein Zimmer zurückkam, fand ich zehn fotokopierte Seiten auf meinem Bett. Es war das erste Kapitel eines Buches, dass sich mit dem polyamoren Leben beschäftigt. Darauf eine Karte: „Als Diskussionsgrundlage für heute Abend. Ich lasse auch mein Handy in der Tasche.“