Dienstagmorgen. Es ist wieder Alltag. Wie automatisiert lenke ich mein Rad durch die Stadt, stelle es vorm Büro ab, begrüße die Kollegen. Mit den Gedanken hänge ich noch im langen Wochenende. Dieser Melancholiekloß in meinem Bauch schwillt minütlich an. Er lähmt mich. Ich will nicht an diesem Rechner sitzen. Nicht in diesem Raum. Ich will zurück in die Arme, in denen ich heute Morgen aufgewacht bin. Noch weiß ich, wie er riecht. Wie die blauen Augen strahlen, wenn er mich angrinst, mich neckt, herausfordert. „Humor ist noch immer eine der erfolgreichsten Arten, eine Frau zu verführen, sie zum Lachen zu bringen“, sagte Jakob Olrik kürzlich in einem „Brigitte“-Interview. Der dänische Sexologe (der auch noch unverschämt sexy ist) sagt viele dieser auf der Hand liegenden Dinge über Paare, Sex und Liebe. In puncto Humor und Männer kann ich ihm nur zustimmen. Andrew ist das Paradebeispiel dafür.

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Unser Anfang war alles andere als galant. Andrew scheiterte kläglich daran, meinen Namen auszusprechen – und spuckte dabei ein paar Erdnussstückchen in meine Richtung. Anstatt sich geniert wegzuducken, ging er in die Offensive, schob die Schuld auf „those strange Germans“. Ich frotzelte zurück und innerhalb weniger Minuten waren wir auf einem Humorlevel, als hätten wir uns schon im Kindergarten die Bauklötze geklaut. Wir saßen in einer Hotelbar in Thailand. Er war geschäftlich unterwegs, ich urlaubte, war nach drei Wochen maximal entspannt, und zum ersten Mal nach meiner Trennung, die 15 Monate zurücklag, konnte und wollte ich wieder flirten. Exakt einen Tag vorher hatte ich meiner Freundin geschrieben, dass mein erster Singleurlaub flirttechnisch ein klarer Reinfall ist, dass das aber nicht weiter schlimm und ich überzeugt davon sei, dass in den letzten vier Tagen auch nichts mehr passieren würde. So kann man sich täuschen!

Urlaubsflirt mit Heimvorteil
Ich war innerhalb einer Stunde von Andrew so begeistert, dass ich mich komplett verknallte. Das geht bei mir – zum Leidwesen aller, die mich kurz nach so einer Situation treffen – immer sehr schnell. Da kann ich noch so sehr das Singleleben lieben und propagieren – verknallen geht immer!
Dieses Gefühl wurde umgehend reaktiviert, als wir uns vor ein paar Tagen wieder umarmten. Dieses Emoji mit den zwei Herzchen-Augen ist gar nichts gegen mich. Keine Sorge, das legt sich auch meistens wieder innerhalb eines Tages. Aber dass es überhaupt wieder passiert … Denn eigentlich soll man seinen Urlaubsflirt ja da lassen, wo man ihn hatte. Das Bier vom Ferienort schmeckt doch auch immer schal, wenn man es auf dem heimischen Balkon trinkt.

Aber die letzten Tage waren alles andere als schal. Sie waren extrem heiter, entspannt, ungezwungen. Andrew und ich brauchten keine Aufwärmphase, auch wenn wir uns in den letzten Monaten nicht regelmäßig geschrieben hatten. Wir machten einfach da weiter, wo wir aufgehört hatten: mit Frotzeleien, in der Sonne sitzen, gemeinsam Sport machen, mit Freunden Zeit verbringen. Und waren es letztes Mal seine Freunde, wurde er diesmal in meinen Freundeskreis mitgeschleppt. Abends lagen wir im winzigen Zimmer einer Ferienwohnung, jeder in seinem 80-Zentimeter-Bett, und wir erzählten unsere Geschichten aus dem vergangenen Jahr.

Vergessene Freundin, gelebtes Drama
Nie hätte ich daran geglaubt, dass wir uns wiedersehen. Beim Abschied in Thailand umarmten wir uns lange, er lud mich in seine Stadt am anderen Ende der Welt ein, und ich zerstörte jede Art von romantischer Stimmung, als ich sagte: „Was sagt deine Freundin dazu?“ Diese hatte er in den Tagen und Nächten zwischen Hotelbar, Pool, Nachtmarkt und Strandbar nämlich vergessen. Sie aber brav auf seinem Facebook-Profil eingetragen. Kurzzeitig hörten die blauen Augen auf zu leuchten und starrten mich entgeistert an. Diesmal war es an mir, die Situation mit einem Spruch zu entkrampfen. Ich verdrängte den Gedanken, dass ich für ihn eine Ablenkung auf Geschäftsreise war, er für mich aber mehr. Ich wusste, dass ich wieder bereit war für Gefühle, Verknalltheit und das dazugehörige Drama.

Das dauerte leider einige Wochen an. Irgendwann beruhigte sich der Teenager in mir, Auswandern war keine Option mehr. Ich hatte einen neuen Freund dazugewonnen, mit dem ich mal ernsthaft, mal scherzhaft chatte, mit dem ich mich durch unseren gemeinsam Sport verbunden fühle. Wie häufig trifft man Menschen, mit denen die Wellenlänge ohne Anlaufschwierigkeiten so stimmig ist? Selten. Als feststand, dass wir uns treffen würden, war mir klar, dass unser Wiedersehen eine gute Zeit werden würde. Es war wieder Urlaub für uns beide, Unbeschwertheit, Sommer. Daher kommt auch dieser Kloß, der minütlich wächst. Es ist müßig, darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn wir uns regelmäßiger sehen würden. Ich tue es aber trotzdem. Von seiner Freundin hat sich Andrew mittlerweile getrennt. Nicht wegen unserer Thai-Nächte, es gab viele Gründe.

Während ich in den Alltag zurückruppele, reist Andrew weiter. Ich krame das Mantra raus, dass er mir bei unserem ersten Abschied mit auf den Weg gegeben hat. „Don’t be sad that it’s over. Be happy that it happened.“ Poesiealbumsprüche kann er also auch. Dem reanimierten Teenager in mir gebe ich noch ein paar Tage, bis ihn die Vernunft beruhigt hat. Oder bis Andrew vor seinem Rückflug noch mal an meine Tür klopft.