„Schönen Urlaub, erhol dich gut! Wohin fährst du denn?“
„Ach, ich bleib zu Hause, besuche ein paar Freunde und meine Eltern. Wo soll ich denn allein sonst hin?“
Man hörte der Kollegin an, dass sie ihren Urlaub geradezu als Zwangsmaßnahme verstand, nicht als Erholungsangebot. Leider war sie da bei mir an die Falsche geraten – oberste Verfechterin des Alleinreisens. Daher stellte ich dann auch gleich die ketzerische Frage: „Was hat denn dein Singlestatus mit deiner fehlenden Ferienlaune zu tun?“
„Na, hast du Lust auf Urlaub im Familienhotel an der türkischen Riviera oder zwischen Dutzenden Paaren auf Mauritius?“
„Nö, aber man kann doch ganz hervorragend allein fahren.“
„Hör mir bloß auf mit Singlereisen! Das habe ich ein Mal gemacht. Nie wieder. Da waren nur Männer, die noch bei Mutti wohnten und Studienrätinnen 50 plus.“
„Klingt nach einer spannenden Sozialstudie.“
„Ja, aber nicht, wenn du zehn Tage auf einem Segelschiff im Mittelmeer schipperst und es kein Entkommen gibt. Horror, sag ich dir.“

Gut, kann ich nachvollziehen. Mich würden keine zehn Pferde auf eine Singlereise bekommen. Reisegruppen sind mir zuwider, egal ob Paare, Familien, Singles. In all meinen schlimmen Vorurteilen wurde ich bestätigt, als ich kürzlich die „Tipps für reiselustige Singles“ geschickt bekam:
• Achten Sie auf positive Gesprächsöffner, die Nachfragen von Mitreisenden ermöglichen: Spannende Reiseziele oder lustige Begebenheiten wecken Interesse und schaffen eine angenehme Kommunikationsbasis.
• Halten Sie regelmäßig, aber unauffällig Kontakt zum Reiseleiter. So sind Sie immer topaktuell informiert und können bei Ihren Mitreisenden mit wertvollen Insidertipps punkten, ohne dabei altklug zu wirken.
• Verstellen Sie sich nicht! Oft haben Menschen eine „Urlaubspersönlichkeit“, die stark von ihrem Alltags-Ich abweicht. Ehrliche und langfristige Bekanntschaften finden Sie aber nur dann, wenn Sie ganz Sie selbst bleiben.
• Nutzen Sie das Ihnen angebotene Sportprogramm, auch wenn Sie nicht der sportlichste Typ sind! Gemeinsame Aktivitäten verbinden und lockern das Miteinander auf. Und falls etwas nicht klappt: Ein Lachen ist der schönste Einstieg in ein Gespräch.

Ich bin mir bis jetzt nicht ganz sicher, ob der Singlereisen-Anbieter das ernst meint oder richtig guten Humor hat …

Aber ich schweife ab. Worauf ich eigentlich hinaus wollte – es gibt so viele gute Gründe, allein zu reisen:

1. Ich bestimme ganz allein: Wohin soll es gehen? Buche ich vor oder spontan? Nehme ich den Bus oder miete mir ein Auto? Geh ich ins Museum oder nur drumherum. Keine Absprachen, keiner, der quengelt oder hetzt. Herrlich! Gut, manchmal ist es auch anstrengend, jede Entscheidung selbst zu fällen. Aber wenn die falsch war, weiß ich ja, wer daran schuld ist.
2. Ich bin mutig: Ja, es kostet Überwindung allein loszufahren – eine lange Reise ins unbekannte Land mit fremder Sprache und Kultur deutlich mehr als ein Städtetrip. Aber wenn man sich dann mal einen Ruck gegeben hat und merkt, dass es gar nicht weh tut, ist es fantastisch. Und man klopft sich selbst auf die Schulter, dass man die Ängste und Bedenken überwunden hat. Ich habe mich ziemlich gefeiert, als ich das erste Mal in meinem Leben ein Moped geliehen habe und dann auch noch links fahren musste. Das Grinsen wich mir einen Tag nicht aus dem Gesicht, und man darf mich deswegen gern für bekloppt halten. Aber ich wusste: Wäre ich mit einem Freund gereist, hätte ich den fahren lassen.
3. Ich habe intensivere Erlebnisse: Wer allein unterwegs ist, ist nicht abgelenkt. Man sieht mehr von seiner Umgebung, beschäftigt sich viel mehr mit den Eindrücken und erlebt alles Neue direkter und ungefiltert. Wer hat schon zu zweit die Ruhe, sich in einem Tempel wirklich mal hinzusetzen und minutenlang nur dem eigenen Atmen zuzuhören?
4. Ich beschäftige mich endlich mal wieder mit mir: Zu Hause hetze ich durch den Alltag, habe immer etwas zu tun, kann mich ablenken und unliebsame Gedanken verdrängen. Aber spätestens an Tag drei meiner Alleinreise kann ich mir nicht mehr entkommen und denke nach – über mich, was ich will, was ich in den letzten Wochen vergeigt habe und was mir richtig gut getan hat.
5. Ich werde selbstbewusster: Über den Bungalow-Preis feilschen, dem Tuktuk-Fahrer sagen, dass er nicht noch an der Schneiderei seines Bruders halten soll, dem Kerl neben mir am Tresen höflich, aber bestimmt sagen, dass ich mit meinem Bier allein sein will. Jeden Tag gibt es diese Situationen, in denen man sich hinter niemandem verstecken kann und wenn man sich nicht hinterher für seine Feigheit beschimpfen will, lernt man, den Mund aufzumachen.
6. Ich werde entspannter: Niemand hetzt mich. Niemand fragt mich. Niemand presst mich in ein Zeitkorsett. Niemand hat Ansprüche, die ich erfüllen soll. Entspannung pur. Und plötzlich fällt es mir leicht, stundenlang im Café zu sitzen, der Sonne beim Untergehen zuzugucken und auf den Bus zu warten.
7. Ich flirte mehr: Im Urlaub fällt flirten leichter. Ich bin locker, sorgenfrei, offener. Und alle anderen auch. Zudem wissen wir alle: In den seltensten Fällen sind Ferienflirts ernstzunehmen. Das entspannt ungemein. Viel schneller macht man den ersten Schritt, tanzt barfuß im Regen oder knutscht unterm Sternenhimmel. Der Morgen ist egal. Und was auf dieser Insel geschieht, bleibt auf dieser Insel.
8. Ich lerne Land und Leute besser kennen: Wenn ich mit Freunden reise, dann genießen wir die Zeit zusammen, haben uns zum Reden, Feiern, Ausflüge machen. Und einer kümmert sich um den Kontakt mit der Außenwelt. Wenn ich allein unterwegs bin, bin ich dieser einer und rede mit allen. Taxifahrer, Eisverkäufer, Kellner, Pensionsbesitzer – jedem kann man Fragen stellen, ihm zuhören, vom eigenen Leben erzählen und Tipps bekommen.
9. Ich bin nie allein: Wer allein reist, bleibt nie sehr lange allein. Es sei denn, man möchte es wirklich. Denn wenn man allein reist, ist man so viel offener und kommunikativer. Man geht auf andere Reisende zu, verbringt mal einen halben Tag am Strand, mal die nächste Etappe mit ihnen. Das Schöne daran: Sie kennen dich nicht, sortieren dich in keine Schublade und sind unvoreingenommen. Man lernt Menschen kennen, die tolle Geschichten erzählen, Tipps geben und Freunde werden.

Reist man zu zweit oder in der Gruppe, hat man diese Begegnungen und Erfahrungen sehr viel seltener. Und dazu muss man nicht immer den großen Rucksack packen. Manchmal reicht auch schon die Zugfahrt allein zu den Eltern.

Der Singlefrau kann man hier auf Twitter folgen
Die Facebook-Seite der Singlefrau findet man hier