Ich sitze an einem dieser Sommerplätze der Stadt. Ein Beachclub, an einem Ort, an dem die Natur eigentlich keinen Strand vorgesehen hat. Aber der Großstadtmensch braucht keinen Meerblick fürs Urlaubsgefühl. Häusermeer reicht aus. Ich warte auf eine Freundin und mir wird klar, warum ich diesen Ort in den vergangenen Monaten gemieden habe;

Ich sitze zum ersten Mal in diesem Sommer hier und plötzlich wird mir klar, dass es nicht nur das ausbleibende Sommerwetter war, das mich von diesem Ort fernhielt. Vielmehr verbinde ich hiermit einen höchst amüsanten Mädelsabend vor ziemlich genau einem Jahr, der darin endete, dass ich einem Typen meine Nummer auf einer Pommespappe hinterließ. Ein guter Anfang eines heftigen Sommerflirts. Es endete im Drama.

Die Nummer mit der Pommespappe
Während sich meine Zehen durch den Sand wühlen, die Sonne hinter den Häusern verschwindet, die Fackeln angezündet werden und meine Freundin sich verspätet, weil erst die Kinder nicht ins Bett wollten, dann das Fahrrad platt war, sinniere ich, warum mich diese wenigen Wochen im vergangenen Sommer so nachhaltig geprägt haben.

Der Mann, dem ich nach einem zehnminütigen Gespräch an der Theke die Pommespappe mit den Worten „Meld dich, wenn du mal ne Runde laufen willst“ (wir hatten uns übers Laufen unterhalten, er trainierte gerade für seinen ersten Halbmarathon) zuschob, löste innerhalb kürzester Zeit etwas in mir aus, was ich seit meiner Trennung nicht mehr für möglich gehalten hätte. An diesem Abend im August vergangenen Jahres zog ich mit meinen Mädels kichernd von dannen. Ich fand die Situation witzig, als er sich am nächsten Morgen tatsächlich meldete und ein erstes Treffen vorschlug, war ich mehr als baff.

Er überrumpelte mich in den kommenden Wochen fortlaufend: Zum Abendbier im Park kam er mit Decke und Picknickkorb. Unser Laufdate dauerte drei Stunden – zwei davon saßen wir auf Bänken und quatschten. Auf einem Konzert knutschten wir wie Teenies, so dass selbige „Nehmt euch ein Zimmer“ riefen. Seine Offenheit über seine vergangenen Beziehungen, über seine Erwartungen an neue fand ich bemerkenswert. Karten auf den Tisch! Auch seinen Eltern erzählte er von mir – wir kannten uns gerade mal drei Wochen, hatten uns vier Mal gesehen. Ruhig Blut, junger Mann! Ich schwankte zwischen kompletter Verknalltheit und Auf-Abstand-gehen. Passiert mir das wirklich? Will ich das?

„Kategorie Vollarsch“
Nach ein paar Wochen ignorierte ich meine Bedenken und wollte es zulassen, dass ich mich verliebe. Das war der Punkt, an dem er sich zurückzog. Schlagartig. Von heute auf morgen. Per SMS. Nach einem Telefonat, in dem ich sehr deutlich sagte, dass ich ihn gern sehen würde – nachdem wir uns zehn Tage nicht gesehen hatten. Ich war ihm zu fordernd, zu vereinnahmend. Schluss, bevor es angefangen hatte. Ich litt. Und kämpfte. Vergebens.

Vergessen? Ich war dabei, als er nach zehn Wochen einen zweiten Anlauf unternahm. Nach fünf Monaten einen dritten. Beide Male erklärte und entschuldigte er sich, versprach Besserung. Sie währte jeweils nur zwei Tage. Das zweite und dritte Mal tat schon nicht mehr weh – Kategorie „Was für ein Vollarsch!“, abgehakt. Aber das erste Mal – das nagt noch immer an mir. Und sorgt dafür, dass ich ganz traurig gucke, als meine Freundin endlich vor mir steht.

Mir wird klar, dass ich seit vergangenem Sommer einen Teil meiner Gefühlswelt ausgeschaltet habe – und nicht bereit bin, jemandem darauf Zugriff zu gewähren, – aus Angst vor Herzschmerz, Kummer und Enttäuschung. Ich weiß, dass Schmerz zur Liebe gehört. Und dass man das Risiko eingehen muss, wenn man im Umkehrschluss die großartigen Gefühle erleben will. Aber ich trau mich nicht.

Lieber unverbindlich statt fest
Mein Leben ist dadurch nicht schlechter, nicht unvollständig, nicht unglücklich. Vielleicht fehlt mir ab und zu etwas – Wärme, Nähe, Vertrauen, Unterstützung. Auf der anderen Seite stelle ich sicher, dass mich niemand verletzt, zumindest nicht tief. Ein Kratzer, eine Schramme – passiert im Alltag, verheilt schnell.

Ich bin nicht die einzige, die so dicht gemacht hat. „Ich lass das jetzt sein mit den Kerlen, nur Zeitverschwendung“, sagte eine Freundin unlängst. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Man wird ja auch nicht schlau aus ihnen, selbst nach Jahren. Wer Mitte, Ende 30 noch oder wieder Single ist, trägt seine Erfahrungen mit sich herum und gelangt nicht mehr unbedarft auf Wolke sieben.

Wenn diese angeschlagenen Menschen aufeinander treffen, wird es schwer. Misstrauen, Angst – wie ein häufig verprügelter Hund. Niemand wagt sich aus der Deckung, traut sich, sich verletzbar zu zeigen. Dann lieber an der Oberfläche kratzen, auf Abstand halten, lieber mehrere Affären statt einer Beziehung, lieber Unverbindliches statt Festes, lieber keine Gefühle zeigen und am besten sie gar nicht erst zulassen.

Das klingt jetzt bitterer als ich bin. Viel zu nachdenklich für diesen Sommerabend. Vielleicht sollte ich mich mal wieder trauen. Nicht gleich heute. Heute gibt es keine Nummer auf einer Pommespappe.

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