Als ich in der vergangenen Woche bei der stern-Stimme Henriette Hell las, dass ihr in ihrem Alter (sie ist 29!) Sex nicht mehr so wichtig sei, entfuhr mir ein „Ach, wie süß“, um mich dann umgehend ein wenig für meine Altklugheit zu schämen. Anschließend ein wenig nostalgisch zu werden. Ach ja, mit 29, damals und so.

Zwei Stunden später stolperte ich in diesem Internet über einen Text aus der großartigen Sex-Kolumne „Nackte Zahlen“ aus dem „Süddeutsche Zeitung Magazin“. Darin nahm Julia Rothhaas die vermutlich ernsthafte Studie von Nick Drydakis zum Zusammenhang zwischen Sexhäufigkeit und Haushaltseinkommen nicht ganz so ernst. Aber auch hier verging mir mein Schmunzeln schnell. Denn wenn Drydakis‘ These stimmt – double sex, double income –, muss ich bald Insolvenz anmelden.

Und als mir dann gestern auch noch meine beste Freundin erzählte, dass sie derzeit zwei Mal pro Tag Sex hat – sie ist frisch verliebt und ich freue mich ganz außerordentlich für sie, sowohl wegen der Liebe als auch wegen der Orgasmen – kamen mir fast die Tränen.

Trennungsgrund Sex-Flaute
Redet ihr doch alle über Sex-Häufigkeit. Ich hätte gern mal wieder welchen! Wieso kam ich eigentlich auf die abwegige Idee, dass ich als Single mehr Sex haben würde als in meiner Beziehung? Nur weil das als Single-Studentin so war? Davon ging ich ernsthaft aus, als ich mich vor drei Jahren trennte. Damals war die Flaute im 160-Zentimeter-Bett für mich einer der Gründe, dasselbige nicht mehr tagtäglich zu teilen. Idiotisch, schon klar. Die Suche nach der Ursache wäre auf vielen Ebenen zielführender gewesen. Das haben wir beide aber erst im Nachhinein kapiert. Aber apropos – mein Ex. Der plauderte kürzlich auch aus seinem Sex-Nähkästchen und als ich meinem Neid Ausdruck verlieh, vertrat er die Ansicht, dass Frauen doch leichtes Spiel hätten. Seine Kalkulation war simpel: Sprich zehn Typen an, neun gehen mit dir ins Bett. Was zu beweisen wäre … Aber will man das?

Och nö. One-Night-Stands fand ich zu meiner Singlezeit vor zehn Jahren schon wenig interessant. Im besten Falle kannte man sich vorher, blieb es nicht bei einer Nacht und man konnte sich auch hinterher noch auf Partys und im Hörsaal begegnen. Meine beiden WG-Mitbewohner erwogen zwischenzeitlich die Anfertigung eines Organigramms, damit sie nicht mit den Namen der Jungs durcheinander kamen. Was natürlich vollkommen übertrieben war. Sie waren beide in langen Beziehungen, ernsthaft katholisch und sind heute schon verheiratet („siehste“ würde meine Mutter jetzt sagen). Dennoch: Über zu wenig Sex hätte ich da nie gejammert. Über die Qualität machte ich mir damals – rückblickend betrachtet – nicht so viele Gedanken. Sex bestand aus drei, vier Stellungen, im besten Falle fand man auch oral Gefallen aneinander, drei Minuten waren definitiv zu kurz, 30 Minuten musste es dann aber auch nicht dauern.

Lieber lange nicht als langweilig
Die Zeiten ändern sich ja glücklicherweise. Nun mag es so sein, wie in der von Henriette Hell zitierten Studie, die besagt, dass die 20- bis 29-Jährigen den größten Sexualtrieb haben, was ja evolutionstechnisch auch sinnvoll erscheint, denn in diesem Alter hat Mutter Natur nun mal die Fortpflanzung vorgesehen. Aber die Ansprüche ändern sich auch. Als ich vor einiger Zeit eine Affäre aus der Studienzeit wiedertraf und merkte, dass er die gleichen routinierten Abläufe wie vor zehn Jahren abspulte, musste ich mir ein „langweilig“ verkneifen. Ein One-Night-Stand mit einem deutlich jüngeren Bekannten verlief vor einigen Monaten so ernüchternd, dass ich morgens das Wiederholungsangebot dankend ablehnte. Ein zweites Mal live dabei sein, wie dein Über/Unter/Neben-dir auf den eigenen Orgasmus fixiert ist? Nein, danke.

Also seltener. Das scheint auch dem Alter entsprechend. Bei Paaren liegt das eher an den äußeren Umständen – Haus bauen, Kind quengelt, Hund guckt zu. Bei Singles an den Ansprüchen. Entweder soll es Sex nur mit dem Typ sein, mit dem man künftig Haus, Kind und Hund teilt, oder man ist sich für die Resterampe am Ende der Kneipennacht zu schade, oder man weiß, mit wem man hervorragenden Sex hat und wartet angeblich geduldig auf das nächste Treffen, das sich bei zwei vielbeschäftigten Singles schon mal hinauszögern kann.

Meine beste Freundin hat wenig Mitleid mit mir – warum auch, sie ist ja frisch verliebt und bestens versorgt. Sie schickte mir als Gute-Nacht-Geschichte den Link zu einem … nennen wir es Erfahrungsbericht einer angehenden Ärztin. Diese musste nicht nur eine Patientin aus einer misslichen Situation befreien, sondern auch den Spielzeug-Dino des Sohnes dieser Patientin. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob es eine Warnung war – oder ein Ratschlag.

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