Mila ist Anfang 30, lebt im hippen Berlin, kein Model aber hübsch, aufgekratzt, überdreht, seit Jahren Single und glücklich. „Glaubt sie“, sagen die anderen. Und prompt wankt das Weltbild des Happy-Singles als die kleine Schwester sich verlobt. Nach der ersten Reaktion:

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drängt sich die Torschlusspanik in den Vordergrund. 287 Tage bis zur Hochzeit der Schwester. Vorher muss ein Mann für Mila (Susan Sideropoulos) her. Aus dieser Sinnsuche macht Sat1 eine neue Vorabend-Serie, die den Sender aus dem Quotentief holen soll. Entschuldigung, aber so wird das leider nichts, wie die erste Woche unschwer erkennen lässt.

Ich gucke selten Fernsehen, schon gar nicht Vorabend-Serien. Aber durch die großflächige Plakatierung an den Litfasssäulen meiner Stadt kam ich auf die Idee, dass ich mal reinschauen könnte. Es bestand die Chance, dass diese Soap sich von anderen unterscheidet. Ich gehöre zur Zielgruppe. Und Sat1 ließ verlauten „Mila“ sei modern. Okay, okay, ich war fast so naiv wie Milas Schwester, die den angehenden Arzt heiratet.

In den 28 Minuten der ersten Folge wurden mehr Klischees reingepresst als in jeden Rosamunde-Pilcher-Roman.

– Singlefrauen ignorieren die Realität, wenn sie sagen, dass sie glücklich sind. Im stillen Kämmerlein, wissen sie – sie sind es nicht.
– Singlefrauen sind beruflich nicht erfolgreich, machen aber auf jeden Fall „was mit Medien“ und wohnen im Loft auch, wenn sie nur 18 Cent pro Zeile für ihre App-Kritiken bekommen (welches Online-Magazin bezahlt eigentlich nach Zeile???).
– Singlefrauen, die beruflich erfolgreich sind, sind verbitterte, karrieregeile, gefühlskalte Biester.
– Singlefrauen haben Katzen, mit denen sie reden, weil ja sonst niemand da ist.
– Singlefrauen tanzen in Schwulenbars.
– Singlefrauen stellen ihr Leben in Frage, wenn sie verheiratete Freundinnen mit Kind treffen.
– Singlefrauen sind nicht feminin, sondern frech, rotzig, schlagfertig. Werden also mit den gleichen abgegriffen Adjektiven bedacht die man gern auch lesbischen Frauen anhängt.
– Singlefrauen bleiben mit bronzefarbenen Stöckelschuhen im Gulli hängen und ein typischer Macho wird umgehend zum potentiellen Prinzen
– Singlefrauen haben Mütter, die ihre Töchter zu einem Fall für die Resterampe erklärt haben. Oh Moment, Stopp, das kenn ich

Und genau darin liegt das Problem von „Mila“:

Die Serie ist gestrickt wie die vorherrschende Meinung der Gesellschaft. Die Hochzeit muss das erstrebenswerte Ziel einer jeden Frau sein.
Und wenn jetzt einer sagt: Sei nicht so aggressiv, ist doch lustig gemeint. NEIN! Es ist aber nicht witzig. Es ist langweilig und so schrecklich vorhersehbar.

Um meine Vorahnung, wie Folge 2 bis 287 laufen würde, zu bestätigen, schaute ich auch Dienstag, Mittwoch und Donnerstag rein. Und ab und an gibt es sie dann doch, die hellen Momente, die guten Sprüche, die ein bisschen hoffen lassen.

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Und – wo Mila Recht hat, hat sie Recht: „Mit 15 war doch alles einfacher, man hat an seiner Kiba genuckelt und hat irgendwann geknutscht.“ Ja, stimmt, mit Anfang 30 hat man einen Gintonic in der Hand.

Appell an die Autoren
Die Telenovela-Soap-whatever ist noch nicht abgedreht. Das Drehbuch vermutlich zwar schon fertig geschrieben. Aber falls es noch eine Einspruchsmöglichkeit geben sollte, werte Autoren, lasst „Mila“ nicht nach 287 Tagen (womöglich noch im Doppelpack mit ihrer Schwester) heiraten. Lasst sie zu dem Schluss kommen, dass man nicht heiraten muss, um ein hervorragendes Leben führen zu können. Eine Frau scheitert nicht, weil sie nicht vor den Traualtar tritt, sondern weil sie ihr Schicksal nicht selbst in die Hand nimmt.

Überlegt es euch wenigstens … Vielleicht zieht es auch die Quote nach oben. Und lasst euch nicht von Senderbossen und sonstigen Entscheidungsträgern sagen, dass sich das nicht verkauft. Bullshit! Braucht kein Mädel! Diese rosafarbene Seifenblasenwelt kennen wir aus 2564 anderen Serien und Schundromanen. Allein die Befürchtung, dass keine Hochzeit ein No-Happy-End bedeuten würde, zeigt doch, wie schräg die Gesellschaft programmiert ist. Wer mit Anfang 30 noch nicht verheiratet ist, ist nicht normal. Wer nie heiraten will, wer sogar allein leben will, ist komplett bekloppt. Im besten Fall. Im schlimmsten macht sie sich etwas vor, die Ärmste.

Dabei sind doch erste Reaktionen meistens die richtigen. Und die von Mila auf die Verkündung der Hochzeitspläne ihrer Schwester war „Willst du nicht noch ein bisschen leben?“

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