Den Schlüssel in der eigenen Wohnungstür nur einmal umzudrehen, wenn man nach Hause kommt, ist ein komisches Gefühl. Es bedeutet, dass jemand da ist, dass jemand auf mich wartet.
„Hallo“, rufe ich in den Flur.
Aus dem Wohnzimmer antwortet John. Er ist ein paar Tage zu Besuch, war unterwegs in der Stadt, ich war um die Ecke noch zwei, drei Dinge fürs Abendessen einkaufen. Ich gehe die paar Schritte durch den Flur, gucke ins Wohnzimmer und erstarre. DA sitzt eine fremde Frau auf dem Sofa.

„Hi“, bringe ich hervor. Und offensichtlich einen fragenden Blick. Sie ein schief-schüchternes Lächeln.
John springt vom Sofa auf und beginnt mit einer Erklärung. „Das ist Sandra. Ich hatte dir ja erzählt, dass ich noch etwas für sie habe, sie noch treffen wollte.“ Ja, hatte er, aber nicht wann und nicht, dass dieses Treffen in meiner Wohnung stattfindet.

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Ich höre die Worte nur halb, blicke stattdessen auf Johns Hand. Die hält – so wie auch Sandras – ein Weinglas. Ich vermute, dass es der gute weiße ist, den ich extra fürs Abendessen gekauft hatte. Mein Blick wandert von ihm zu ihr. Ich bin sprachlos – und trete erstmal den Rückzug in die Küche an, schließlich habe ich ja noch den Einkauf in der Hand. Außerdem muss ich nachdenken, wenigstens ganz kurz. Drama machen oder Theater spielen? Ich bin keine Frau für bühnenreife Szenen. Außerdem bin ich ja einiges gewohnt, aber das klingt mir hier irgendwie zu sehr nach Film. Sag mal, liebes Leben, spinnst du eigentlich komplett?

Kniefall mit Blumenstrauß
Dabei hätte ich es wissen müssen. Mit John ist man vor diesen Überraschungen leider so gar nicht gefeit. Meistens sind sie positiv oder sollen es zumindest sein. Als John gerade angekommen war, und wir in meinem Viertel bummelten, verschwand er kurz, um wenige Minuten später mit einem gigantischen Blumenstrauß inklusive 30-Liter-Vase im Gemüseladen vor mir zu stehen. Ich fand das überdimensioniert und war mit so viel Pomp einfach überfordert, aber der gute Wille war erkennbar. Aber unangekündigt Besuch in meine Wohnung mitzubringen und sich dann noch am Kühlschrank zu bedienen, finde ich unmöglich. So gut kennen wir uns dann doch nicht.

Und was mach ich? Tief Luft holen, ausatmen, lächeln und ins Wohnzimmer schreiten. „Hallo Sandra, schön dich zu treffen. Ich habe noch nichts von dir gehört. Bleibst du zum Essen?“ Ein herzlicher Angriff war mir gerade lieber als regelgerechtes Ausflippen.
„Nein. Ich bin noch mit Freunden zum Essen verabredet.“ Die Situation war ihr sichtlich unangenehm. John ließ sich nichts anmerken, er ging gleich in Smalltalk über. Dass soziales Feingefühl nicht so seine Stärke ist, hatte ich schon an anderer Stelle gemerkt. Allerdings auch, dass er unangenehme Szenen galant umschifft und plötzlich befinden wir uns zu dritt mitten in einem ganz witzigen Gespräch.

Ein Test, ein Flirt, ein Riesenknall
„Ich muss dann mal los“, beendet Sandra die Plauderei. Ich gehe in die Küche, schnipple Gemüse, setzte Nudelwasser auf. John stellt sich hinter mich, fasst mich an den Schultern, küsst mein Haar.
„Du hast ja ziemlich entspannt reagiert“, sagt er. War das ein Test? Wie ich auf weitere Frauen reagiere? John hat mir kurz nach dem Kennenlernen gesagt, dass er nicht monogam lebt. Meint, dass er mehrere Frauen gleichzeitig lieben kann, nicht nur auf der sexuellen Ebene. Ich habe ihm mehrfach signalisiert und gesagt, dass ich kein Interesse habe, Frau Nr. 23 zu werden. Seine Antwort darauf war stets: „Mich gibt es nicht exklusiv.“ Auch daran war und bin ich nicht interessiert. Nur weil wir mal geknutscht hatten, einen Swingerclub zusammen besucht haben und auch morgens mal nebeneinander aufgewacht sind, muss ich nicht gleich eine Beziehung führen wollen.

Unbeirrt tut John jedoch so, als sei das die logische Konsequenz. Wir hatten in den vergangenen Tagen mehrere Diskussionen dazu. Die Atmosphäre ist gelinde gesagt angespannt, und John hatte bereits über eine frühere Abreise nachgedacht. Ich wäre wirklich nicht böse und hege gehörigen Groll gegen diesen Menschen, der sich für unwiderstehlich hält. Ich habe keine Lust auf einen weiteren Streit. Warum muss ich ständig Beziehungsgespräche führen, obwohl ich in keiner bin?

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Stattdessen sage ich John, dass ein Freund mich gefragt hat, ob ich Lust hätte, ihn heute Abend auf eine Party zu begleiten. Ich frage John, ob er mitkommen möchte. Meine Hoffnung ist, dass sich die Stimmung ein bisschen entspannt. Er lernt gern neue Leute kennen, gegen einen guten Drink hat er auch nichts einzuwenden.
„Zu dritt?“, fragt John.
„Ja, aber da sind ja auch noch ein paar Dutzend andere Menschen.“ Was behagt ihm denn jetzt daran nicht?
„Dann fühle ich mich wie das fünfte Rad am Wagen und steh allein in der Ecke.“
„Wie kommst du denn darauf?“ Gut, am letzten Abend stand er wirklich ein bisschen verloren am Tresen einer Bar als wir auf dem Geburtstag einer Freundin waren. Aber wenn man auch die ganze Zeit auf seinem Handy rumspielt …
„Okay, wir müssen ja nicht gehen.
„Du kannst gern.“
„Ich lass dich nicht hier allein sitzen, außer du bestehst drauf.“ Aber ich weiß genau, dass er das nicht will. John ist ungern allein und so schnell kann selbst er sich kein Date ertindern . Seine Aufmerksamkeit müssen seine Freunde (sehr häufig Frauen) teilen, er möchte selbst aber ungeteilte Aufmerksamkeit genießen.
„Dürfen deine ‚Freundinnen‘ eigentlich auch andere Kerle haben“, frage ich etwas ketzerisch.
„Ja, klar. Das gilt für beide Seiten. Aber ich muss die nicht unbedingt treffen und kennenlernen.“
„Aber deine Frauen sollen sich untereinander kennen? Und sich mögen.“
„Ja, das ist mir wichtig. Ich möchte offen kommunizieren.“
„Gleiche Regeln für alle – davon hältst du wohl nicht so viel, hm?“ Ich bin ziemlich sauer. Was denkt der sich eigentlich. „Also HÄTTE ich jetzt eine Beziehung mit dir, würde ich ständig deine anderen Partnerinnen treffen. Aber an meinen hättest du kein Interesse. Soso. Ach John, es ist sehr gut, dass aus uns nie etwas geworden ist oder wird.“
„Bist du dir da sicher? Wir werden dann aber keinen Sex mehr haben. Dieses ‚casual‘ kann ich nicht.“
Ich bin sprachlos. Er glaubt jetzt nicht ernsthaft, dass mich das umstimmt?
„John, ich habe dir vor acht Wochen, als wir uns trafen, gesagt, dass ich nicht Teil deiner Frauensammlung werden will. Das gilt immer noch. Ich sage dir seit Wochen immer wieder, dass ich eine Freundschaft mit dir will – nichts anderes. Das ändert sich nicht, nur weil du hier mit gigantischen Blumensträußen aufläufst und mich zum Essen einlädst.“

Kein Grundsatzurteil

John schmollt. Irgendwie verständlich. Ich koche nicht mehr, brauche jetzt aber auch einen Wein, gern den guten weißen. Dass ich mich in diesem Fall gegen eine nicht-monogame Beziehung entschieden habe, ist kein Grundsatzurteil. Ich kann noch immer nicht sagen, ob ich eine offene Beziehung leben könnte und wenn ja unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen. An anderer Stelle habe ich gemerkt, dass sich meine Einstellungen in relativ kurzer Zeit radikal verändert haben, dass ich offen bin für Neues, Experimente und mich über Grenzen wage. So war im November ein Besuch in einem Swingerclub oder auf einer Sex-Party undenkbar. Ein halbes Jahr später habe ich es dann einfach mal ausprobiert, mit John.

Sag also niemals nie. Genau so gut könnte ich auch in einem halben Jahr verheiratet sein … Aber irgendwie halte ich das für deutlich unwahrscheinlicher, als die Chance, dann Teil einer offenen Beziehung zu sein oder eine Affäre zu haben oder gar kein Liebesleben.

P.S.: Dieser Abend mit John ist bereits ein paar Wochen her, wie man am Datum der Tweets sieht. John verkürzte seinen Besuch und trat nach einigen Tagen in der Schmollecke wieder in Erscheinung – als ob es mein „Nein“ nie gegeben hätte. Der Beginn eines wunderbaren Streites, der ihn für mich nicht nur als Mann sondern auch als Mensch unmöglich machte. Aber John ist hartnäckig und will, dass wir Freunde bleiben. Das fällt mir gerade schwer, aber auch hier gilt: Sag niemals nie.

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