„Hi, kannst du mir mal helfen?“ Die gut gebräunte Frau mit den sehr blonden Haaren steht vor mir und versucht ihre Ledercorsage zu schließen. Aber die beiden Enden des Reißverschlusses wollen einfach nicht ineinander passen. Ich erkenne sofort ihre missliche Lage. Wie soll man auch gleichzeitig das halterlose Kunstlederteil um den Oberkörper legen, die Brüste reinstopfen und dann noch den Reißverschluss einfädeln? Hier braucht es mindestens drei Hände.

„Halt du mal oben fest und sieh zu, dass deine Brüste drin sind“, sage ich. Ich klinge routinierter als ich bin. Der Abstand von meinem Gesicht und meinen Händen zu ihren Brüsten beträgt wenige Zentimeter. Womöglich würde ich einer guten Freundin so nah auf die Pelle rücken. Aber Corinna kenne ich nicht. Auch dass sie Corinna heißt, weiß ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Dafür habe ich ihr schon bei zwei, drei Orgasmen zugeschaut und wie sie ihrem Partner einen bläst.

Kreuzverhör vorm Kühlschrank
Dass die Blonde Corinna heißt, sagt sie mir, als wir Augenblicke später ein paar Schritte von meinem Platz weggehen. Es ist einfach zu schummrig in diesem Teil der Bar. Ein paar Meter weiter steht ein Kühlschrank, dessen grelles Neonlicht uns weiterhelfen solle.

„Was hast du da wieder für ein Quatsch gekauft, Michael“, ranzt sie ihren Kerl an, der etwas hilflos neben uns steht und dabei auch noch das Neonlicht verdeckt. Es klingt nicht böse, eher wie ein Spaß. Während ich versuche, die beiden Enden des Reißverschlusses zusammenzubringen, fragt mich Corinna aus. Wie ich heiße, ob ich zum ersten Mal hier bin, wie mein Mann heißt.

„Das ist nicht mein Mann“, sage ich und bin hochkonzentriert bei der Sache. Die zwei, drei Gin erhöhen die Treffsicherheit nicht gerade.
„Dein Freund?“, fragt Corinna.
„Ein Freund“, sage ich und merke, warum es hakt beziehungsweise nicht einhakt. „Corinna, du hältst das Teil falsch rum, einmal umdrehen.“ Sie kichert angetrunken-verlegen und guckt zu meinem Begleiter rüber, der in seinem schwarzen Ledersessel sitzengeblieben ist und sein Bier trinkt. Ich meine zu erkennen, dass er amüsiert guckt.
„Wie? Das ist nicht dein Freund, sondern ein Freund, aber ihr habt doch gerade …“

Grenzen werden überschritten

Ja, ich hatte gerade Sex. Mit diesem Mann, der nicht mein Freund, sondern ein Freund ist. Aber darüber kann sie sich doch jetzt bitte nicht wundern. Wir sind hier in einem Swingerclub! Wer wird es denn da so genau nehmen mit den Beziehungsverhältnissen?
Nach meinem ersten Ortstermin in einem Swingerclub fühlte ich mich in allen RTL-II-Doku-Klischees bestätigt und sah keinen dringenden Bedarf, das Experiment zu wiederholen.

Allerdings hatten so viele Kommentatoren geschrieben, dass ich einfach nur Pech gehabt hätte und den Club gezielter aussuchen müsste. Doch wo suchen? Eine schnelle Google-Suche bringt mich auch nur an Orte, die ich nicht sehen und zu Schilderungen, die ich nicht lesen möchte. Besagter Freund wusste, wann und wo. Und ich vertraue ihm – aus Gründen. Er weiß, was ich mag, was er mir zumuten kann und wann ich die Komfortzone verlassen will. Wir hatten für uns beide eine Grenze gezogen. Seine war: kein Sex an diesem Ort. Meine war: Pass auf mich auf. Gut, Grenzen kann man ja überschreiten.

Dass es so weit kommen würde, war am Anfang des Abends nicht abzusehen. Von der U-Bahn durchs Industriegebiet stöckelte vor uns ein Kerl, mit langen schlanken Beinen, die mich neidisch machten. Sie stecken in einer Netzstrumpfhosen und liefen auf Stöckelschuhen, die ich als ungehbar definiert hätte. Später sah ich ihn ohne Mantel – Wespentaille, sehr viel Leder. Ich war fasziniert. Wie auch von den anderen Erscheinungen: männliche Oberkörper in Netz, Frauenkleider, die unter dem Busen aufhören, barocke Schönheiten, eine kaum unschuldige Braut, Männer in Lederröcken, viel Haut, manchmal zu viel. In den ersten zwei Stunden war ich nur mit beobachten und gucken beschäftigt. Mein Begleiter zeigte mir das Gothik-Zimmer, den kleinen Balkon, von dem man so schön auf die Tanzfläche gucken konnte, kleine Separees, große Liegewiesen, Schaukeln, Käfige. Ich litt an Reizüberflutung und kommentierte alles. Mein Begleiter erklärte mir alles bereitwillig. Er hatte Gnade mit einer Anfängerin. Und irgendwann kippte meine Stimmung.

Zugucken ja, anfassen nein

Wir sitzen in einem kleineren Barbereich. Vor einer Stunde beobachtete ich hier noch die ein oder andere Szene, die auch aus einem günstigen Porno hätte stammen können. Viel Gier, wenig Gefühl, viel Wahllosigkeit und wenig Zugewandtheit. Jetzt sind hier Paare, die sich gegenseitig befriedigen, die Spaß haben, die sich gehen lassen, die bei sich sind, aber es scheinbar genießen, wenn andere zuschauen.

Dass andere im Raum sind, kann man tatsächlich sehr gut ausblenden, wie ich kurze Zeit später feststelle. Es ist Teil des Spiels, aber wird währenddessen unwichtig. Wenn ein Mindestabstand eingehalten wird. Als mein Begleiter und ich uns in einen anderen Raum zurückziehen, bleiben wir nicht lange allein. Ab und zu stellen sich Männer daneben, gucken zu. „Darf ich mitspielen?“, fragt einer. Wir lehnen ab. Ich kann mir das nicht vorstellen. Ebenso wenig wie das Spiel mit einer Frau.

Denn als ich wieder in meinem Sessel sitze, ohne die beiden Enden des Reißverschlusses von Corinnas Corsage zueinander gebracht zu haben, wird mir klar, was aus dem Reißverschluss-Spiel hätte werden können, vielleicht auch sollen. Aber Corinna musste eh den Raum verlassen, weil sie sich vor lauter Nervosität trotz Rauchverbot eine Zigarette angezündet hatte. Und alle guten Dinge sind ja bekanntlich drei.

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