Man soll gehen, wenn es am schönsten ist. Ich weiß nicht, ob der vergangene Sommer und der Herbst die schönsten waren. Sie waren intensiv. Ich habe sie in vollen Zügen genossen. Sozusagen auf Lunge. Weil ich wusste, sie sind die letzten ihrer Art. Ich verlasse die Stadt, in der ich ein Drittel meines Lebens gewohnt, geliebt, gelitten und gelacht habe. Ich gehe freiwillig. Und ich freu mich auf das, was da kommt. „Herausforderung“ sagt man dazu im Manager-Sprech. „Neuer Lebensabschnitt“ würde ein Psychologe urteilen. Mein Bauch sagt: richtig so. Mein Herz sagt: Bist du irre? Mein Kopf glaubt mal dem Bauch und mal dem Herzen.

Rückblickend auf die letzten Blog-Beiträge klingt der Abschied wie eine logische Konsequenz:

Die Holländer abgehakt.
Den verheirateten Ehemann überwunden.
Die Affäre beendet.
Der Ex hat eine Neue.

Doch das ist Zufall. Vielleicht auch des Schicksals Fügung. Womöglich wird es von mir so gesehen, weil ich einen Abschluss brauche, um woanders wieder anfangen zu können. Denn die berufliche Entscheidung, die Stadt zu verlassen, gab es zuerst und bevor die Affäre beendet war und der Ex eine neue hatte. Sie fiel mir leicht. Warum kann ich immer noch nicht sagen. Sicher, der neue Job ist extrem interessant, aber sonst – nur Unbekanntes. Neue Stadt, neue Menschen, neue Sprache, neue Rituale. Das Neue hat mich schon immer gereizt, Routine gelangweilt. Aber gleich alles auf einmal?

„Wirklich? Du verlässt die Stadt? Der Liebe wegen?“
Wie oft will man mir diese Frage eigentlich noch stellen? Ich reagiere erstaunt, verblüfft, auch mal sauer. Warum kann es für den Schritt nur diese Begründung geben? Wird ein Mann das auch gefragt, wenn er den Wohnort wechselt?
Nein, ich gehe des Berufs wegen.

„Wie? Ganz allein?“
Ja, ganz allein. Es ist eine Entscheidung, die ich nur mit mir ausmachen musste. Ich habe meine Eltern angerufen, stundenlang mit meiner besten Freundin geskypt, mich mit Freunden beratschlagt, aber die Entscheidung war längst gefallen. Ich muss nur mich verpflanzen, das wird schwer genug, aber ich muss weder Mann, noch Kind, noch Hund fragen. Es ist viel leichter so. Aber manchmal auch viel schwieriger, weil dir niemand die Hand drückt und sagt: „Wir schaffen das zusammen“, wenn du doch mal zweifelst.

„Die Männer im Süden sind viel offener und zugänglicher.“
Variante: „Vielleicht klappt es ja dann dort mit einem Mann.“
Ich verdrehte die Augen, wenn meine Umzugspläne so kommentiert wurden. Denkt ihr, ich gehe, weil ich in dieser Stadt keinen Mann mehr gefunden habe? Glaubt ihr wirklich, ich wäre unglücklich hier? Kennt ihr mich nicht oder viel besser als ich mich?

„Wenn du dich mit dem Foto bei Tinder anmeldest, fliegen dir dort die Männerherzen zu!“
So kommentierte ein Freund kürzlich ein neues Foto auf Facebook von mir. Mag sein, dass das Foto gut getroffen ist, aber ich werde den Teufel tun und in der neuen Stadt alte Verhaltensweisen an den Tag legen. Tinder ist seit Monaten abgeschaltet und das soll es auch. Erstmal.

In den letzten Wochen gab es den ein oder anderen Seufz-Moment, Tränen in den Augen und Wehmut. Gerade jetzt, wo meine Wohnung mehr einem Lager gleicht, sich Umzugskisten stapeln und ich erst nach dem Kochen merke, dass ich leider schon alle Teller verpackt habe. Manchmal frage ich mich, warum ich alles nochmal auf Null stelle. In einem Alter, in dem andere ein Haus bauen und Kinder kriegen, lasse ich alles Liebgewonnene und Gewohnte hinter mir und ziehe ins Ungewisse. Ja, das ist spannend. Aber manchmal frage ich mich, was mich treibt.

Ich habe Zeit, mich darauf einzulassen und Abschied zu nehmen. Von Freunden, von der Stadt. Von meiner Laufrunde und meinem Gemüsehändler. Von meinem Lieblingsplatz im Lieblingscafé. Vom rumpeligen Radweg auf dem Weg zur Arbeit, vom fluchenden Nachbarn und vom Blick aus meinem Wohnzimmer, der nie schweifen kann, weil er gleich gegen eine Hauswand prallt. Und freu mich, dass der Blick bald ins Grüne geht, auf die neue Laufrunde, die neuen Nachbarn und ein neues Lieblingscafé.

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