Eigentlich sollte ich packen. Einen Abend hatte ich mir für das Bücherregal gegeben. Der freundliche Mann von der Spedition hatte geschätzt: „Zehn Kisten brauchen Sie, zwei Stunden. Ist schnell gemacht.“ Mittlerweile habe ich Umzugskarton Nummer elf vor mir und seit einer Stunde habe ich keine Kiste mehr mit diesem Klapp-Falt-Mechanismus geschlossen. Ich habe meine Vergangenheit wiederentdeckt.

Umzüge sind perfekt zum Aussortieren und Ausmisten. Bei mir führt es aber auch dazu, dass ich Schätze finde, bei denen ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, dass ich sie je gesammelt habe. Das Bücherregal ist eine zuverlässige Fundgrube. Konzerttickets, Postkarten, Zeitungsartikel fallen aus Büchern heraus. Sie dienten als Lesezeichen und erzählen mir jetzt Jahre später, dass ich Stieg Larssons „Vergebung“ auf einem Flug nach Oslo gelesen habe und dass ich Joachim Lottmanns „Die Jugend von heute“ von einer Affäre geschenkt bekam, der mich mit „Liebste“ anschrieb.

Wer war eigentlich Christian?
Eine Kiste rühre ich in den Jahren zwischen den Umzügen nicht an: meine Männerkiste. Sie ist größer als ein Pumps-Schuhkarton. Sie hat eher Gummistiefel-Schuhkarton-Größe. Darin: eine bunte Mischung aus Aufmerksamkeiten der Herren in meinem Leben. Briefe, Postkarten, Fotos, Kassetten, Kerzen. Als ich vorhin den Deckel öffnete, schob ich ihn schnell wieder drauf. Ich habe doch keine Zeit! Herzlos und effizient wuchtete ich den Karton in einen größeren, packte Bücher obendrauf – um nur Minuten später wieder die Bücher rauszuholen, den Karton auszubuddeln und anzufangen zu wühlen.

Als Erstes zog ich einen Brief von Lukas aus dem Stapel. Offensichtlich hat der süße Lehramtsstudent mit dem hohen Haaransatz mich mal versetzt, als er mich eines Tages frühmorgens zum Bahnhof bringen wollte, damit ich einen Flieger in Richtung Auslandssemester erwische. Lukas und ich hatten über Monate während unseres Studiums eine Affäre. Für ihn war ich eine Übergangsfrau. Und augenscheinlich hatte ich ihm dieses Versetzen nicht übel genommen. „Während ich den Standpunkt vertrat, dass dich das Schleppen unglaublicher Mengen Gepäcks in Maximalgeschwindigkeit ermüdet haben wird, äußerte Peter die Vermutung, dass du aufgrund der Verkettung unglücklicher Umstände in den letzten Tagen vor und am Tag deiner Abreise den Glauben an die Männerwelt endgültig verloren hast.“ Ich kann diese Tage vor meiner Abreise nicht mehr rekonstruieren. Ich hoffe nur, er schwallert heute seine Schüler nicht so zu.

Unter dem Brief ein Zettel, mit Bleistift geschrieben: „Beim nächsten Mal bringe ich dir bei, wie man einen Wecker bedient! Trotzdem danke. Gruß Christian“. Was war da nur passiert? War er zu spät gekommen oder ich? Und wer war Christian überhaupt? Warum ich diesen Wisch überhaupt aufhob, ist mir ein Rätsel. Er (der Mann) muss mir wichtig gewesen sein.

Mein erster Liebesbrief
Kurz danach habe ich meinen allerersten Liebesbrief in der Hand. Von Boris. Wir gingen in die fünfte Klasse, sahen uns täglich, aber er hatte mir ein Foto von sich beigelegt und mich in ordentlicher Schreibschrift wissen lassen: „Meine Eltern wissen auch schon, daß wir uns mögen.“ Und am Ende: „Ich war schon lange in dich verknallt, bloß wußte ich ja nicht, ob du mich auch mochtest.“ Verziert ist der Brief mit vielen rosa Herzchen, manche mit einem Pfeil durch. Schlagartig bin ich wieder verknallt. Heute würden wir uns Whatsapps schicken mit Herzchenaugen-Smileys. Damals saß ich beim Telefonieren noch im elterlichen Wohnzimmer, weil unser Telefon neben einer Wählscheibe nur zwei Meter Kabel hatte. Die Romanze mit Boris ging übers Händchenhalten nicht hinaus und währte nicht lange.

Ich war ein Kassettenmädchen
Ganz anders mit meinem ersten richtigen Freund: David. Sechs Jahre waren wir zusammen. Zwei Kassetten liegen in der Box. Wie lange habe ich schon keinen Rekorder mehr! Aber diese Mixtapes, auf denen tatsächlich die Dire Straits nach Guns N’Roses kommen, muss ich einfach aufheben. Vermutlich würde man die Übergänge noch hören, womöglich auch den reinquatschenden Radiomoderator. Seine Briefe hat er in selbstgebastelten Umschlägen verschickt. Ich lese sehr lange in einem Heftchen, das er wie ein Tagebuch für mich schrieb, als er drei Wochen in Lappland wandern war. Eine Stunde blättere ich mich schon durch die Briefe, bin gerührt von so viel Liebe, schäme mich, weil ich herauslese, dass ich eine Phase hatte, in der ich mich zurückgezog und ihn zappeln ließ und durchlebe die sechs Jahre noch mal. Es macht mich etwas wehmütig, aber noch mehr muss ich schmunzeln und freue mich über all das, was ich schon gefühlt habe, auch wenn es nicht mehr so präsent ist.

Je kürzer die Beziehungen und Affären zurückliegen desto weniger Erinnerungsstücke habe ich. Von meinem Ex-Freund gibt es nur ein paar Zettel mit süßen Notizen, Fotos aus einer Fotobox. Das liegt auch daran, dass er weniger schenkte und schrieb als andere, aber generell wurde und wird die Kommunikation komplett digital. Von Geschichten, die acht oder drei Jahre her sind, habe ich Mails, von aktuelleren Facebook-Chats oder Whatsapp-Nachrichten, wenn die Dialoge überhaupt noch existieren. Eigentlich schade. Denn mein größter Schatz sind 46 Briefe, oftmals mehrseitig, eng beschrieben mit filigraner Handschrift. Sie sind von Thierry, einem langhaarigen Franzosen, den ich in einem Jugendcamp kennenlernte. Zu Hause war mein Freund, aber ich erlag dem Charme dieses Jungen, glücklicherweise nicht physisch. Wir schrieben uns drei Jahre, lange, intime Briefe, obwohl wir beide in Beziehungen waren. „I don’t know if I’m ready to move into my flat with my girlfriend anymore since we both met. I’m really becoming mad of love without you. I know I shouldn’t tell you that because you don’t want it but that’s it: je t’aime.“ Oh weia! Ich würde zu gern die Briefe lesen, die ich schrieb. Wir sahen uns erst wieder, als wir uns beide getrennt hatten. Es wurde eine wilde Sommerromanze, anschließend gab es keine Briefe mehr, wir gingen zu Mails über, aber auch die wurden immer seltener. Ganz aufgehört hat der Kontakt jedoch nie. Und ich nehme ihn immer wieder auf, wenn ich umziehe und seine Briefe lese, so auch heute.

In Gedanken bin ich jetzt weit in der Vergangenheit, dabei sollte ich doch eigentlich den Blick in die Zukunft richten. Auf das, was kommt, auf all das Neue in der fremden Stadt. Aber womöglich kann ich aus dem Gewesenen Lehren, Kraft und Stärke ziehen. Ich denke mal darüber nach, während ich die nächsten Umzugskartons packe.

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