Jedes Jahr, wenn per Mail der Termin für die Weihnachtsfeier rumgeschickt wird, muss ich an Dennis denken. Es war meine allererste Firmenparty. Ich war Mitte 20, seit wenigen Monaten mit dem Studium fertig und arbeitete gerade fünf Wochen in meiner ersten Festanstellung. Dennis hatte ebenfalls frisch angefangen. Wir waren beide Neulinge in Sachen Weihnachtsfeier. Und machten so ziemlich alles richtig, was man so falsch machen kann.

Damals war das mit diesem Internet noch nicht so groß. Heute könnte ich googeln „Weihnachtsfeier Single“. Man bekommt viele Texte und Listen mit unfassbar guten Ratschlägen.

Nicht zu viel Alkohol trinken

Ja, nee. Ist klar. Definiere „zu viel“. Es gibt Tage, da reicht der Begrüßungsprosecco und man steht schon mit einem Fuß auf dem Tisch, weil man leider das Mittagessen wegen ständiger Meetings ausfallen lassen hat. Und nach dem zweiten schuhplattlert man wie die Tresenfachkräfte in „Coyote Ugly“ über die Bar.

An dieser meiner ersten Weihnachtsfeier trank ich definitiv zu viel. Aber so weit ich mich erinnern kann, tanzte ich nur auf dem Boden. Vielleicht gab es keinen Tresen?

„Zählen Sie Ihre Getränke mit“

Nicht euer Ernst, eDarling! Zwei Glühwein an der Garderobe, drei Rotwein zur Ente, ein Sekt auf Eis an der Bar. Und jetzt? Dass das zu viel und zu viel durcheinander war, hätte ich auch ohne Zählen geahnt.

Den Ausschnitt nicht zu tief tragen

Als ob das etwas nützen würde. Auch auf Weihnachtsfeiern gibt es einen Dresscode: Das Büro-Outfit bleibt im Schrank. An dem Abend mit Dennis trug ich eine langweilige Jeans und mein Oberteil war hochgeschlossen, zumindest vorn.

Singles lieben Weihnachtsfeiern – nicht

„Der alleinstehende Teil der Belegschaft wird durch die lockere Stimmung in Flirtlaune versetzt“ – seriously, Parship? Wer hätte das gedacht? Liebe Paarvermittlungsportale, ich verrate euch ein ganz großes Geheimnis: Alle lieben Weihnachtsfeiern. Verheiratete und Menschen in Beziehungen noch ein bisschen mehr; denn endlich dürfen sie mal ungeniert flirten, ist ja schließlich Weihnachtsfeier. Für Singles ist es Alltag beziehungsweise noch schlimmer als Alltag, denn plötzlich fühlen sich alle zum Flirten verpflichtet. Und die Kleine aus der Buchhaltung, die ist doch Single. Da darf man doch ganz ungeniert angraben, antanzen, anfassen. Darf man nicht!

Dennis und ich waren im übrigen beide keine Singles.

Tue nichts, was du am nächsten Tag bereuen könntest

Zweitdämlichster aller Sprüche zum Thema. Einfach nichts bereuen wäre so viel cleverer. Denn: wozu? Aus irgendeinem Grund hat man dem Drang nachgegeben und Wille und Vernunft wurden vom Verlangen überstimmt. Weder selbstverordnete Alkoholentsagung noch Scham und Gram können das, was geschah, ungeschehen machen.

Never fuck the company

Dämlichster aller Sprüche, dabei lernen sich doch gefühlt 80 Prozent aller Paare am Arbeitsplatz kennen. Und wenn nicht dort, dann in der Uni-Bibliothek oder auf der Schulbank. Aber stimmt irgendwie schon. Auf der Weihnachtsfeier sollte man diese Weisheit ausnahmsweise mal befolgen. One-Night-Stands sind nur entspannt, wenn man davon ausgehen kann, dass man den Kerl, neben dem man aufwacht, nie wieder sehen muss. Höchstens mal an einem Tresen. Aber bitte nicht am Kopierer oder in der Kantinenschlange. Dennis und ich sahen uns nach dieser Weihnachtsfeier in den kommenden vier Jahren so gut wie jeden Tag. Am Tag nach der Party knutschten wir in einem vermeintlich unbeobachteten Moment hinter einer Säule. Zwei Wochen später verbrachten wir nochmals eine Nacht zusammen. In den kommenden Jahren konnten wir gut nebeneinander arbeiten, ohne im Halbstundentakt rot zu werden.

Unser Glück war:

Es gab noch keine Smartphones. Also keine Beweisfotos. Nur in den Köpfen der Kollegen.

Wir waren beide jung. Und – wir blieben auf einer Hierarchieebene. Er neu. Ich neu. Beide Berufsanfänger. Beide leider auch mit Partner (ich nicht mehr lange).

Die Weihnachtsfeier mit Dennis war die erste und einzige Weihnachtsfeier, auf der ich alle guten Ratschläge der Partnervermittlungsplattformen ignorierte, weil ich sie nicht kannte und mich nicht vorbereitet hatte. Ich lernte, ich wurde älter. Und Single. Und hatte nur noch politisch korrekte Weihnachtsfeiern. Heute Abend ist wieder eine.

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