Irgendwas ist anders zwischen meiner Mutter und mir. Zwischen uns hat sich etwas entspannt. Wir hatten immer ein gutes Verhältnis und nie ernsthaft Streit. Aber mein Leben als Single, meine Bindungsunwilligkeit und meine Eskapaden ließen sie häufig den Kopf schütteln.

Natürlich hätte ich einfach aufhören können, ihr die Details aus meinem Leben zu erzählen. Aber das ging und geht nicht. Wie bei einer guten Freundin, von der man weiß, dass sie in bestimmten Dingen andere Ansichten vertritt. Man kann dann diese Themen ausklammern, es beiden leichter machen, aber das käme mir immer wie eine Lüge vor.

Telefonat mit meiner Mutter
Zum Auftakt dieses Blogs habe ich das erste Mal über das Verhältnis zwischen meiner Mutter und mir geschrieben. Ich habe – wenn auch stark verkürzt und verdichtet – ein Telefonat mit ihr aufgeschrieben. So oder so ähnlich hatte es sich schon mehrfach zugetragen. Und auch danach gab es immer wieder Situationen, in denen ich sauer war, weil sie meinem Lebensstil so viel Unverständnis entgegenbrachte. Aber: Wir hatten schon lange nicht mehr so ein Gespräch.

Vor ein paar Tagen habe ich ihr das erste Kapitel aus meinem Buch vorgelesen. Ich war aufgeregt. Zum ersten Mal sollte ich laut und vor Publikum meinen eigenen Text lesen.

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Auch wenn es keine Massen waren, die mich im heimischen Wohnzimmer anstarrten, sie sind mir bekannt als ehrliche und direkte Menschen. Und dann startet das Buch auch noch so, wie das Blog – mit einem Telefonat zwischen der Protagonistin Toni und ihrer Mutter. Eine heikle Situation; denn zwar ist das Buch nicht autobiografisch. Aber natürlich fielen Sätze, die ich jetzt vorlas, so oder so ähnlich schon zwischen uns – und sie sind nicht unkritisch.

„Deine Schulfreundin Sandra ist schwanger“, antwortet meine Mutter. Verdammt! Anstatt mir auf die Lippe zu beißen oder nach dem Wetter zu fragen, nehme ich Anlauf und erwidere mit pampigem Desinteresse: „Ja und?“
„Ich habe gedacht, es interessiert dich.“
„Warum sollte es? Ich habe Sandra nach dem Abitur exakt einmal getroffen, auf der zehnjährigen Abi-Party, die stimmungsvoll wie ein Leichenschmaus war. Sandra interessiert mich nicht. Dass sie Sex hat, will ich mir nicht vorstellen. Dass es jemand mit ihr Tag und Nacht aushält, kann ich mir nicht vorstellen.“
Diese Vergleiche mit ehemaligen Schulkameraden und Freunden nerven. Sie leben andere Leben: verlieben, verloben sich, heiraten, taufen ihre Kinder, streiten um die Haushaltskasse, gehen fremd, fahren nicht mehr in den Surfurlaub, sondern ins Familienhotel, und feiern Silvester zuhause – „die Kinder, du weißt schon“.
Merkwürdigerweise werden Vergleiche auch immer nur zu den Verheirateten gezogen. Von meinen Freundinnen Kerstin, Nele, Insa oder Juli ist nie die Rede. Höchstens in der Variante „Und, wie geht es Juli so? Ist die auch noch allein?“ Juli ist meine engste Freundin. Sie ist eine echte Single-Veteranin, will keine Hochzeit, keine Kinder. Eine echte Verbündete. Denn der Ehrlichkeit halber muss ich zugeben, dass alle anderen Singlefreundinnen sich eine Beziehung wünschen, meistens auch sehr dringend.

„Toni, jetzt reagier doch nicht gleich so empfindlich.“
Mütter merken, wenn sie wunde Punkte treffen. Und sie legen je nach Tagesform den Finger noch tiefer in die Wunde oder belassen es bei vielsagendem Schweigen. Heute waren sowohl meine Mutter als auch ich in Austeil-Laune. Es würde ein harter Kampf werden.
„Mama, egal, wer sich aus meinem oder deinem Bekanntenkreis oder in unserer Verwandtschaft verliebt oder verlobt – ich werde mir daran kein Beispiel nehmen.“ Ginge es nach ihr, würde ich mir den Erstbesten schnappen und dem von der Gesellschaft suggerierten Standardlebensentwurf folgen. Für meine Mutter reicht ein kurzer Kuss-Konto-Cross-Check, und dann kann es losgehen mit der Beziehungsanbahnung. Da lebt sie leider noch in den 60er-Jahren, als sie selbst auf Männerfang ging.

Meine Mutter hätte beleidigt sein können. Oder traurig. Sie wirkte ein bisschen nachdenklich. Die Freude überwog aber. Wir haben Tränen gelacht.

Ich weiß nicht, was passiert ist. Vielleicht sind wir beide altersmilde geworden, vielleicht haben wir uns nach all den Jahren an unsere beider Eigenarten gewöhnt und akzeptieren uns so wie wir sind. Sehr wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem.

Ich merke aber auch, dass ich ruhiger geworden bin. Ich fühle mich nicht mehr so schnell angegriffen (zumindest von meiner Mutter), habe mehr Verständnis für andere Positionen und das missonarische Wesen meiner Mitmenschen (vielleicht doch altersmilde) und bin ruhiger und in mir ruhender geworden. Eventuell ist es nur der Fokus auf die Arbeit, die mir momentan Kraft und Zeit für Eskapaden raubt. Im vergangenen Jahr habe ich mich ausgetobt, an Männern wie dem verheirateten Karsten, dem stummen Max und dem polyamoren John abgearbeitet. Jetzt verspüre ich noch nicht mal den Wunsch nach wilden Nächten, vermisse Tinder nicht, fühle mich ziemlich außer Stande zu flirten und wüsste gar nicht, wo ich Zeit für einen Lover hernehmen sollte. Der Mann mit Hut hatte also nie wirklich eine ernsthafte Chance, andererseits, wenn es DER Mann ist, dann spielt die Zeit ja wohl kaum eine Rolle …

Es könnte sein, dass das dieses Angekommen ist. Zufrieden mit sich und der eigenen Situation. Mal sehen, wie lange dieser Zustand anhält. Es ist ja schließlich Frühling …

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Das Buch der Singlefrau „Mein Bett ist halbvoll“ erscheint am 2. Mai im Knaur Verlag, 12,99 Euro.