Sie ist Anfang 30, hat seit 14 Monaten keinen festen Freund, seit sechs Wochen keinen Sex mehr gehabt und wenn mal ein Kerl mit ihr flirtet, ist es garantiert der falsche. Die Diagnose liegt auf der Hand: beziehungsunfähig. Egal ob sie Maren, Saskia oder Tina heißt, Frauen zwischen 30 und 40 wissen endlich, was ihnen fehlt, wenn sie Single sind. Männer auch. Dank Michael Nast hat die Generation ein neues Label. Eines, was nach Unvollständigkeit und Makel klingt.

Wer keine Lebensmittelunverträglichkeit, keine Depression und keinen Instagram-Kanal hat, weiß jetzt endlich, was er sein kann. Ein Aufatmen geht durch die Republik. Endlich nicht mehr ohne Kategorie!

Dieses Sich-zugehörig-Fühlen ist wichtig, war es schon immer. Erst war es die Generation Golf, es folgten die, die ein Praktikum ans andere reihten, dann die, die ein Y in ihrem Namen trugen und den Sinn des Lebens infrage stellten. Jetzt trägt man also die vermeintliche Unfähigkeit, eine Partnerschaft zu führen, vor sich her, kaum ist man mal ein paar Wochen ohne Freund oder Freundin. Frauen eher als Männer. Denn bei Jungs gehört es zum guten Ton, sich auszuprobieren und auszutoben, bevor man sich bindet. Bei Mädels wird es gern gesehen, wenn sie ihrem Paar(ungs)willen ständigen Ausdruck verleihen. Also mindestens verzweifelt sind, wenn kein Mann um sie buhlt.

Reden wir über Babybrei

Das Label „beziehungsunfähig“ ist ein optimales Gegengewicht zu allen Junggesellenabschieden, Hochzeitsmessen und Mütter-Blogs. Denn: Obwohl wir ja alle ach so beziehungsunfähig sind, wurden Eheschließungen noch nie so opulent in Szene gesetzt. Früher reichten eine Hochzeitszeitung und ein paar dämliche Spielchen, heute gibt es zur Homepage eine Audioslideshow, eine Candybar und ein opulentes Geschenk, wenn der Gast nach 18 Stunden Party wieder geht. Selten hat man so viel über Kindererziehung, -ernährung und -kleidung geredet und geschrieben. Doch die Gruppenbezeichnung der Beziehungslosen ist negativ besetzt. Aber warum, sind die, die heiraten und Kinder kriegen so viel besser als die, die mit sich allein sind? Und warum suhlen sich diese auch noch in ihrer vermeintlichen Unvollständigkeit?

Die Generation der 68er und ganze Dekaden von Feministinnen kämpfen vermutlich mit einem Würgreiz, wenn das Nast’sche Buzzword erklingt. So haben sie sich das sicherlich nicht vorgestellt. Da erzieht man den Nachwuchs zu selbstständigen Menschen, schafft das Ehegattensplitting ab und zertrümmert die gläserne Decke, und was macht die undankbare Brut? Jammert. Sie fühlt sich unvollständig statt unabhängig, will die Vielzahl der Möglichkeiten gegen die einzig wahre Lebensform eintauschen – Vater-Mutter-Kind-bis-dass-der-Tod-euch-scheidet.

Paare sind beziehungsunfähig

Ich verstehe diesen Wunsch nach Gruppengefühl. Allein auf weiter Flur ist ja auch doof. Aber warum sich selbst als gescheitert deklarieren? Nee, Freunde, da mache ich nicht mit. Ich bin Single. Aber nicht beziehungsunfähig.

Zum einen haben Singles sehr viele Beziehungen, nicht nur diese eine. Sie fokussieren sich nicht auf einen Menschen, sondern haben engere Beziehungen zu ihren Freunden, Nachbarn, Geschwistern und Eltern. Ich würde sogar so weit gehen, dass sie die sozialeren Menschen sind. Da sie mehr Zeit haben, diese Beziehungen zu pflegen. Wie oft scheitern Freundschaften, weil die beste Freundin einen Freund hat und nur noch mit ihm die Fernsehabende verbringt. Und wie oft sehen diese Mädels das erst, wenn die Beziehung zu ihrem Schatz zerbrochen ist. Na klar, gute Freundschaften halten etwas Abstand aus. Gute Beziehungen räumen diese Freiheiten allerdings auch ein. Aber das ist ein anderes Thema.

Zum anderen könnten doch Singles einfach ihre Wahlmöglichkeiten genießen, anstatt sich darüber zu beschweren. Und Nicht-Singles dürfen den Alleinstehenden diese gern gönnen. Es gibt keinen Grund, jemandem wechselnde Bettbekanntschaften madig zu machen oder ihn anzuprangern, weil er keine Kinder will oder lieber allein alle Entscheidung trifft und ebenso allein den Urlaubskoffer packt. Wenn eine ihren Verehrer abweist, ist es töricht, ihr einreden zu wollen, sie sei zu wählerisch. Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter, wo Ehen arrangiert wurden und eine Frau ohne einen Ernährer nicht überleben konnte! Nicht gleich beim Erstbesten „Ja, den nehm‘ ich“ zu sagen oder wenn es nur noch Streit und Ärger gibt, die Beziehung zu beenden, heißt, dass man sich über seine Wünsche im Klaren, man nicht wahllos ist, sondern selbstbewusst (ganz im Wortsinn). Das ist wirklich ein Grund zu jubeln. Dieser Gruppe schließe ich mich sehr gern an. Lasst uns eine gründen! Fehlt nur noch ein Label.