Beim Aufschließen der Haustür fiel mein Blick eben auf die Briefkästen. Irgendwas war anders als sonst. Eine der Klappen war verkeilt. Oh, das ist ja mein Kasten! Und in dem Moment wusste ich eigentlich schon, wer dafür verantwortlich war. Ich stellte meine Taschen ab, guckte genauer hin. Ein Gummiband war an der Klappe befestigt, es hielt etwas fest, das halb im Briefkasten verschwand. Ich angelte nach dem Gegenstand. Der Mann mit Hut ist wieder hier gewesen. Nicht zum ersten Mal, seitdem ich ihm vor drei Monaten gesagt habe, dass diese Affäre zu Ende ist.

Der junge Mann ist hartnäckig – diesmal versucht er es mit Sonnencreme und einem handschriftlichen Hinweis, ich solle mich eincremen, der Sommer käme jetzt. Ich könnte es süß, rührend, gar fürsorglich finden. Aber ich werde wütend! Zehn Sekunden später stehe ich bei meiner Nachbarin vor der Tür, fuchtele mit der Tube vor ihrem Gesicht rum und presse ein „Der war schon wieder hier, was fällt dem eigentlich ein?“ raus. Sie lacht. Ich finde das alles nicht mehr so witzig.

Aber er verliebte sich …

Dass er mehr Gefühle für mich empfindet als ich für ihn, merkte ich schnell. Das, was zufällig in der Silvesternacht entstand, war für mich von Anfang an eine Affäre. Ich wollte und will keine Verpflichtungen. Das sagte ich, mehrfach. Er verliebte sich dennoch, stand mit Luftballons vor der Tür, schrieb Gedichte, kaufte Blumen. Alles, was Frau sich so wünscht, wenn es auf Gegenliebe stößt. In mir löste es aber nur Panik und das Gefühl von Bedrängnis aus. Wie auch jetzt diese Sonnenmilch.

An unserem letzten Abend ließ ich ihn wortwörtlich im Regen stehen, und er nahm mir vorher noch das Versprechen ab, dass wir uns zwei Monate später an eben jener Trennungskreuzung wiedersehen. Bei Vollmond und hoffentlich mit der Erkenntnis, dass ich ihn in meinem Leben brauche. Ich sagte kurz vor dem Wiedersehen ab. Ich war nicht in der Stadt – und sehr froh darüber.

Eine Absage meinerseits tauchte in seinem Plan nicht auf. Er wollte sie nicht akzeptieren, reagierte erst traurig, dann wütend, später frech und unverschämt. Irgendwann hörte ich auf zu antworten. Ich merkte, dass meine Erklärungsversuche nicht zu ihm durchdrangen.

Er kam bei mir vorbei. Ich war nicht zu Hause. Er erzählte es mir selbst – auf einer Karte, die er am nächsten Tag in meinen Briefkasten warf. Und ein Nachbar beobachtete ihn, weil der Mann mit Hut einige Zeit vor dem Haus auf und ab ging. Der Verehrer mit besonderem Kennzeichen bat um ein Zeichen von mir. Ich meldete mich nicht. Ich hatte alles gesagt, hatte anderes zu tun, wollte mich nicht mehr mit ihm beschäftigen. Ein paar Tage später stand er wieder vor der Tür. Ich war wieder nicht da. Meine Nachbarn schickten ihn weg. Sie fanden den Kerl höchst amüsant. Ich fand ihn unheimlich, fühlte mich verfolgt, beobachtet.

Aufgelauert auf dem Weg zur Arbeit

Am nächsten Morgen radelte ich früh Richtung Arbeit, wollte vorher noch zum Sport. Es war ein Brückentag, die Straßen leer. Als ich meine U-Bahn-Haltestelle passierte, sah ich aus dem Augenwinkel, wie jemand von der anderen Straßenseite auf mich zu, mir vors Fahrrad lief. Der Mann mit Hut. Außer Atem, aufgeregt, aber mit Hut. Es war 6.40 Uhr. Ich starrte ihn entgeistert an.

„Ich wollte mit dir reden, dich sehen, dir in die Augen gucken“, stammelte er. „Ich hätte mich gemeldet, wenn ich Zeit und Lust gehabt hätte“, sagte ich. Meine Stimme war deutlich, fest, entschlossen. „Ich wollte, dass wir noch mal reden, dass es nicht doof wird, wenn wir uns zufällig treffen.“

„Und da glaubst du, dass es eine gute Idee ist, wenn du ständig unangekündigt vor meiner Tür stehst oder aber mich abfängst, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit bin?“ Ich sah, wie aufgeregt er war, wie er um Worte rang, und es tat mir leid. Er tat mir leid. Ich wollte weg, bevor ich mich aus Mitleid verabreden würde. Ich ließ ihn stehen, war schockiert, sauer, fassungslos. Ich hörte noch, wie er sagte „Ich habe auch Croissants mitgebracht“ und trat noch heftiger in die Pedale, um die Tränen zu unterdrücken. Tränen der Wut, auf ihn, weil er mich in meinem Ablauf störte, mich nicht in Ruhe ließ, mir zeigte, wie kalt ich sein kann, und auf mich, weil ich so hartherzig gar nicht sein wollte, meinen Sport wichtiger fand als einen armen Studenten, der sich den Wecker gestellt hatte, um mich um 6.40 Uhr abzufangen.

Dramatische Musik für mich bestimmt

Zwei Tage später sah ich ihn wieder bei Facebook. Er hatte im Winter seinen Account stillgelegt, nun war er wieder da, postete Musik mit dramatischen Zeilen. Ich hörte sie nicht, versuchte sie zu ignorieren. Ich las seine Posts wie Posts von jemandem, der mitteilen möchte, wie es ihm geht, in der Hoffnung, dass ihm jemand Bestimmtes zuhört. Ich schloss meine Tür abends ab, ließ die Rollläden runter, guckte mich um, wenn ich aus dem Haus ging. Aber er blieb weg.

Dann schrieb er mir eine Nachricht, unverfänglich, angenehm, ein gemeinsamer Bekannter war das Thema. Ich antwortete, er schrieb noch mal. Ich schwieg, er schrieb wieder. Ich antwortete. Mehr aus Höflichkeit als aus Interesse am Kontakt. Er fragte nicht nach einem Treffen, fragte nicht, wie es mir geht, nur, wie ich mit dem schlechten Wetter klarkomme. Er wollte mich aufmuntern, doch seine Vorschläge waren lächerlich. Ich fühlte mich bestätigt, dass wir in zwei Welten leben, dachte, es wäre offensichtlich, dass wir uns nichts zu sagen haben, ließ Funkstille einkehren.

Und jetzt die Tube im Kasten. Im Grunde ist es sehr süß und sehr charmant. Wäre ich verknallt, würde ich dahinschmelzen. So bedanke ich mich noch nicht mal, weil ich fürchte, dass jedes Zeichen falsch gedeutet werden könnte. Und denke mir: „Gut, meine Sonnencreme ist ohnehin fast alle und diese hier ist vegan, mit Sanddorn- und Olivenöl.“ Es ist dieser Pragmatismus, der mich seit Jahren sehr erfolgreich vor der Liebe schützt.