Wer sich auf Dating-Portalen rumtreibt, muss damit rechnen, dass viele Männer nur auf Chats und Bilderaustausch aus sind. Aber man muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen, findet Die Singlefrau.

„Bist du eigentlich noch ganz bei Trost?“ Die Frage meiner inneren Stimme kommt gerade noch rechtzeitig und ich muss zugeben: Sie ist berechtigt. Ich stehe vorm Badezimmerspiegel, nur in Unterwäsche, ungeschminkt, unfrisiert und halte in der rechten Hand meine Zahnbürste, in der linken mein Smartphone. Und anstatt meine Zähne zu putzen, posiere ich vor dem Spiegel. Versuche den Eindruck zu erwecken, ich würde Zähne putzen, will aber dabei smart aussehen.

Klappt natürlich nicht! Kein Mensch kann sich die Zähne putzen, ohne dass ihm die Gesichtszüge entgleiten. Und mir fehlt jegliches Selfie-Geschick. Außerdem wirkt meine Nase auf Selfies gleich drei Mal so groß! Oder ist sie so groß und mir hat noch nie jemand was gesagt? Egal.


Selfie unter der Dusche

Viel schlimmer ist der Anlass der Gesichtsakrobatik, die meinen morgendlichen Ablauf komplett durcheinander bringt. Ich hampele hier rum, weil mir ein Kerl gerade ein Foto von sich unter der Dusche geschickt hat – mit Seifenschaum an den entscheidenden Stellen. Ich bin an diesem Morgen zwar leicht entrückt, so dass ich mein Handy mit ins Bad nehme, aber bis unter die Dusche geht dann doch zu weit. Aber irgendwas muss ich ihm zurückgeben. Ich will ihn ja bei Laune halten.

Den jungen Mann, nennen wir ihn Fabian, und mich verbindet eine innige Whatsapp-Freundschaft. Seit zwei, drei Tagen vergeht fast keine Stunde, in der wir uns nicht ein paar Worte hin und her schicken. Wir kennen uns eine Woche, gesehen haben wir uns nie. Wir sind uns auf einem Dating-Portal begegnet. Ich hab ihn angeschrieben, weil mich sein Lachen auf den Bildern so ansteckte und seitdem fliegen die Nachrichten hin und her. Erst nur ein paar am Tag, jetzt sind es Dutzende. Mal nur ein paar Worte oder ein Emoji, meist aber ganze Sätze, Alltägliches und Anzügliches. Wir haben schnell gemerkt, dass wir auf einer Wellenlänge liegen und meist gibt ein Wort das andere. Ob wir diese Worte jemals Angesicht zu Angesicht austauschen, steht in den Sternen. Er wohnt zwei, drei Stunden entfernt.

Und jetzt bin ich kurz davor, dass ein Bild das andere ergibt. Ich drücke zehn, zwölf Mal auf den Auslöser. Mal hab ich ein Doppelkinn, mal gucke ich aufs Display, nicht in den Spiegel, mal verzieht sich mein Mund rund um die Zahnbürste zu absurden Grimassen. Bilder, die Sexiness vermitteln sollen, aber die Umstände sind alles andere als reizend. Sie sind vielmehr Auslöser eines veritablen Lachkrampfes. Selfies sollte ich den Unter-16-Jährigen überlassen.

Ich bin doch keine Sex-Hotline!

Immerhin kann ich noch über die Situation und mich selbst lachen. Bei manchen Kontaktanfragen auf dem Dating-Portal vergeht mir das Lachen noch bei den ersten Zeilen. Sehr konkrete feuchte Träume werden ohne jegliche Vorwarnung und höfliche Anrede offeriert. Viele Herren wollen „nur reden“ und lieber stundenlang schwülstig schreiben, ohne jemals ein Treffen in Erwägung zu ziehen. Es gibt Nächte, in denen es bei mir kurzfristige Lust auslöst, hinterher aber meist Frust, Ekel gegenüber mir, weil es so wenig braucht, um mich anzumachen, Ärger über die vergeudete Zeit (schlafen wäre so viel erfüllender gewesen) und den Vorsatz, nicht mehr Zeit mit unbekannten, ausgehungerten Männern zu verschwenden (klappt bis auf kleinere Rückfälle). Die Frage nach Bilderaustausch lässt mich allerdings ein ums andere Mal ratlos auf das Display starren. Wildfremden Herren Bilder von meinen Körperteilen zu schicken – geht’s noch? Ich hab schon mit normalen Selfies mein Problem. Nicht nur, weil ich meine Nase für unvorteilhaft halte. Ich will meine Bilder einfach nicht irgendwo anders mal wiedersehen, aber wenige scheinen sich darüber Gedanken zu machen. Erst dann wenn die Ehefrau sie im E-Mail-Postfach hat.

Sexting mit Zufallsbekanntschaften aus einem Dating-Portal ist mein Ding nicht, so viel steht fest. Nach dem Höhepunkt ist die Leere nur noch größer, die Erfüllung dauert nur wenige Sekunden an. Es hat keine Substanz, nichts Bleibendes, eine Fortsetzung ist nie vorgesehen. Es ist plump und oberflächlich, es geht dabei nicht um den Menschen am anderen Smartphone, sondern um reine Befriedigung eines Verlangens, vielleicht ein bisschen weniger distanziert als ein Porno, günstiger als eine 0190-Nummer.

Sexting – aber nicht zum Frühstück

So triebgesteuert ist die Whatsapp-Affäre mit Fabian nicht. Wir schreiben über Alltägliches, unseren Sport, unsere Jobs, lernen uns kennen. Ich weiß nicht, wie seine Stimme klingt, aber kenne schon seine Lachfalten rund um die Augen. Ich, die so gern allein aufwacht, finde es plötzlich schön, wenn jemand wie ich um kurz nach 6 Uhr aufsteht und ein „Guten Morgen“ samt Kuss-mit-Herz-Smiley schickt. Da ist jemand, der Interesse hat, der fragt, wie der Tag war. Auch wenn ich das mit Freundinnen machen kann, es ist etwas anderes mit einem Mann, mit dem man flirtet.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht die einzige bin, die diese Aufmerksamkeit von Fabian bekommt. Er ist auch nicht der einzige, mein Flirt-Leben hat wieder Fahrt aufgenommen. Das kostet Zeit, manchmal zu viel. Und Nerven, wenn mal wieder keine Antwort kommt, wenn es doch nicht zu einem Treffen kommt, wenn der Gesprächspartner einfach nicht mehr antwortet – oder aber in eine andere Richtung galoppiert.

Neulich stand ich morgens in der Küche, schnippelte Salat für die Mittagspause, trank zwischendurch schnell einen Espresso, und Fabian schickte zum Guten-Morgen-Gruß ein Bild von seinem besten Stück – ausgefahren, Hand am Sack. Wäre es 15 Stunden später gewesen oder ich auch noch im Bett – ich hätte es womöglich heiß gefunden, so fand ich es einfach nur bescheuert. Es löste nichts aus, außer Ablehnung. Anstatt nichts mehr zu schreiben, wie ich das bei anderen gemacht hätte, sagte ich es ihm, schließlich kennt man sich schon etwas besser. Er entschuldigte sich – und seift daher jetzt die empfindlichen Stellen vor dem Selfie ein.

Mein Zähneputz-Selfie hat nie seinen Adressaten erreicht. Manchmal lobe ich mir meine innere Stimme. Ich muss ja nicht jeden Quatsch mitmachen. Und stattdessen zusehen, dass Fabian und ich mal gemeinsam duschen.