Konsequent norddeutsch war die Singlefrau bis im vergangenen Jahr. Dann zog sie um in den Süden und alles wurde anders. Sogar zum Oktoberfest wollte sie in diesem Jahr.

„Also, ein Busenrausquetsch-Typ sind sie eh nicht“, sagte die blondierte und bezopfte Verkäuferin in der Trachtenboutique. Ihr Blick auf mein nur von einem weißen Push-up-BH umrahmten Dekolleté war abschätzig, ihre Stimme mitleidig. Das war definitiv kein Kompliment. Anstatt ihr in die Augen zu gucken, schaute ich ihr auf die Brüste und biss mir auf die nicht-aufgespritzten Lippen, um nicht zu sagen: „Man kann das zwar quetschen, sieht dann aber scheiße aus.“

Ich hakte den schneeweißen BH mit Verdopplungseffekt auf, drückte ihn der Verkäuferin in die Hand. „Danke, aber ich glaub, ich werde auch ohne monströses Dekolleté ordentlich Spaß haben.“ Ihre Antwort wartet ich gar nicht erst ab, verschwand hinter dem Vorhang meiner Kabine und wollte die Mission „Oktoberfest“ schon ad acta legen.

Mit einem granteligen Servus verließ ich den Laden und rief meine Freundin an, mit der ich eigentlich am nächsten Tag zum Oktoberfest wollte. Ich! Als Norddeutsche! Um es mir leichter zu machen, wollte ich mich wenigstens in ein Dirndl zwängen. Ein Kostüm (entschuldigt, liebe Bayern, aber vielmehr kann ein Dirndl ja für mich nicht sein) würde die Hemmschwelle senken.

Oktoberfest – dann halt doch nicht!

„Ich hab jetzt schon kein Bock mehr auf die Wiesn“, nölte ich ins Telefon, als meine Freundin endlich abnahm. „Die Dirndlverkäuferin hat sich über meinen Busen lustig gemacht. Bislang hat sich noch nie jemand über den beschwert.“ Vom anderen Ende kam nur schallendes Lachen. Nachdem sich Babsi wieder beruhigt hatte, sagte sie: „Jetzt atme mal tief durch und nimm das alles nicht so ernst. Wir gehen da morgen hin und du wirst sehen, dass wird a Mordsgaudi. Du musst halt nur einige Tipps beherzigen.“

1. Wenn schon kein opulentes Dekolleté, dann wenigstens die Schürzen-Schleife auf der richtigen Seite tragen. Für uns Singlefrauen ist das die linke Seite. Wenn du keine Lust hast, dass du angemacht oder angelangt wirst, trägst du sie rechts. Hinten wäre verwitwet, das muss ja auch nicht sein. Einen Lederhosen-Code gibt’s leider nicht. Aber die Herren sind da ja eh nicht so zimperlich, wie wir wissen.

2. Ein Dirndl ist kein Muss. Für niemanden, weder für eine Münchnerin wie mich, noch für eine Norddeutsche wie dich.

3. Bitte verzichte dann aber auch auf sämtlichen Trachten-Schnick-Schnack. Das wirkt ganz schnell albern. Man kann auch Bier trinken, ohne Lederhosen.
4. Ach ja, Lederhosen für Frauen … Ich weiß ja nicht. Das ist irgendwie total schräg, Emanzipation hin oder her.

5. Keine Stöckelschuhe – die Theresienwiese ist entweder staubig oder matschig und du wirst auf den Bänken tanzen, früher oder später. Und ja, du wirst „Ohne dich schlaf ich heut‘ Nacht nicht ein“ von der Münchner Freiheit singen und du wirst textsicher sein, wie in den 80ern, keine Sorge.

6. Solltest du ein zu kurzes Dirndl tragen, rächt es sich spätestens auf der Bank. Also keinen String anziehen.

7. In den Festzelten kommt man sich vermutlich näher als in jedem Freibad. Einen Aufschrei beim Anlangen wird es auf der Wiesn aber vermutlich nicht geben. So schlimm es auch ist, das würde mit einem nonchalanten „Folklore“ abgewehrt.

8. Du bist mit Deinen Mitte 30 zu alt für den Hügel unter der Bavaria, also denk nicht mal im Traum daran, dich mit jemandem dorthin zu legen. Ich lass dich eh nicht aus den Augen.

9. Wir sind ausgerechnet zum „Italiener-Wochenende“ auf der Wiesn. Das ist immer das mittlere Oktoberfest-Wochenende und dementsprechend wirst du dich vor heißen Flirts nicht retten können. Aber keine Sorge, genügend Australier und Engländer werden auch da sein, nur falls du da was für deine Länderpunkte tun willst.

10. Ich weiß, jetzt klinge ich wie Mutti, aber … Du weißt schon, dass das Oktoberfestbier stärker ist als normales? Also Hendl-Essen nicht vergessen.

Nein, wusste ich nicht. Aber dann weiß ich ja, wohin ich morgen garantiert nicht gucken werde – zu tief ins Glas. Also, ich kann es mir zumindest ja mal vornehmen.

Mittlerweile bin ich zuhause angekommen. Das Telefonat mit meiner Freundin hat mich ein wenig versöhnt. Geben wir dem Oktoberfest doch eine Chance. Ich klingle bei meiner Nachbarin und frage sie, ob das Angebot des Dirndl-Leihs noch steht. Einen Push-up werde ich dann in meiner BH-Schublade schon noch finden.