Anrufe von Telefonanbietern sind zumeist überflüssig bis lästig. Sie werden unverschämt, wenn sie von einem antiquierten Familienbild ausgehen und damit die Singlefrau in einen Zustand zwischen Tobsucht und Verzweiflung versetzen.

Es ist Samstagnachmittag. Draußen ist es grau, herbstlich, ungemütlich. Ich habe entsprechende Laune – getrübt. Kämpfe mit lauter HipHop-Musik und Badezimmerfliesenschrubben dagegen an. Der Grund: ein Mann, natürlich, aber das ist eine andere Geschichte, die jetzt nicht erzählt werden will, SONST MUSS ICH MICH WIEDER AUFREGEN.

Ich zucke zusammen, als ich in einer Liedpause das Telefonklingeln vernehme. Das Festnetz! Das klingelt eigentlich nie. Die Nummer haben höchstens fünf Personen – und die rufen nie am Samstagnachmittag an.


Telefonanbieter werden zur Partnervermittlung

Die sechste Person ist die Dame von der Telefongesellschaft, nennen wir sie Sandra. Sandras Stimme ist zuckersüß und charmant, standardmäßig erkundigt sie sich, ob sie wirklich mit der Frau spricht, deren Nummer sie gerade gewählt hat. Dann folgt die gute Nachricht, dass ich zu viel für meinen Telefon- und Internetanschluss zahle, man aber kulanterweise gewillt ist, den monatlichen Betrag um satte 2,50 Euro zu senken, wenn ich denn auch noch mein Smartphone bei ihnen anmelde.

Ich lehne, leicht grummelig, aber dankend ab. Ich bin versorgt, will weiter schrubben.

„Wie ist es denn mit ihrem Partner? Wir haben tolle Konditionen für Partnerverträge.“
Sandra kann nicht ahnen, in welch Fettnäpfchen sie gerade tritt. Sie nimmt quasi Anlauf auf ein Plantschbecken und hebt zur Arschbombe ab.

Haben Sie Freunde?

Ich schwanke zwischen einem: „Was-fällt-dir-blöden-Kuh-eigentlich-ein-mich-nach-meinem-Freund-zu-fragen“ und einem epochalen Heulkrampf. Kann mich auf ein selbstbewusstes, leicht schnippisches „ich-habe-gar-keinen-Partner“ runterregulieren. Ich hatte ein zusammenzuckendes „Oh, Entschuldigung“ und unüberhörbare Schamesröte erwartet. Aber Sandra ist offenbar Kummer gewohnt. Und fährt unbeirrt fort:

„Und wie sieht es in ihrem Freundeskreis aus?“
„Sie meinen diese HipHop-Kombo aus den 90er Jahren? Die sind versorgt.“
„Ah ja.“
Sandra versteht meine Anspielung nicht. Vermutlich ist sie zu jung. Und beim Thema Feinfühligkeit hat sie in der Call-Center-Schulung ganz offenkundig gefehlt. Dafür hat sie die Hartnäckigkeitsschulung mit einer Eins plus bestanden. Ich setze gerade an, das Telefonat abzubrechen, als sie mir ins Wort fällt.

„Sagen Sie, wenn ich Ihren Geburtsjahrgang hier so sehe …“
Oh, oh, Sandra, das ist jetzt aber wirklich dünnes Eis …
“ … ihre Kinder müssten doch eigentlich in dem Alter sein, in dem sie auch ein Smartphone brauchen.“
Mein Mund steht offen. Aber es kommt nichts raus. Sandra überfordert mich. Ich könnte ihr vermutlich entgegenschleudern, dass ich vor zwei Wochen ein Kind verloren habe oder unfruchtbar bin, ohne auch nur eine Reaktion zu erzeugen. Ich bin zu überrumpelt für einen Gegenangriff oder einen Monolog über veraltete Familienbilder. Selbst für ein „Das geht Sie einen Scheiß an“ reicht es nicht.

„Ich denke, diese Frage ist zu privat, um sie mit Ihnen zu besprechen“, würge ich raus, bewahre die Fassung, um noch ein lächelndes „Okay, kein Problem, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“ zu vernehmen, aufzulegen, in den Regen hinaus zu starren. Ich weiß gerade nicht, ob ich weinen oder lachen sollen. Ich entscheide mich erst für das eine, dann für das andere.

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