Es war mal wieder Zeit. Zeit für eine Reise allein. Niemand, der fragt, was „wir“ morgen machen. Niemand, der lieber am Strand liegen will als durch die Stadt zu laufen. Die Singlefrau reist noch immer am liebsten allein.

„How many persons?“
„One.“
„Only one?“
„Yes.“

Ich habe aufgehört zu zählen, wie häufig ich diesen Dialog in den ersten Tagen meines Urlaubs bereits geführt habe. An den dazugehörigen Blick – nie vorwurfsvoll, sondern irgendwo zwischen erstaunt und verwundert, vielleicht auch ein wenig mitleidig – habe ich mich schnell gewöhnt. Der ist in der Heimat ja nicht anders, wenn man allein ins Restaurant, Kino oder zu einem Konzert geht.

Ich reise für ein paar Wochen in Südostasien. Während ihr alle Päckchen packt, habe ich meinen Rucksack geschultert, nur den Hin- und Rückflug gebucht, die ersten Nächte in einem Guesthouse reserviert, ein paar Ideen im Kopf, ansonsten treiben lassen, gucken was passiert und wo es mir gefällt. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, anders zu verreisen. http://www.stern.de/familie/beziehung/weiblich-ledig-na-und/weiblich–ledig–na-und–warum-singlereisen-mist-sind–allein-reisen-aber-das-groesste-6821404.html
Nicht mit einer Freundin, nicht mit einem Mann. Obwohl … ich habe neulich seit sehr langer (also wirklich richtig langer) Zeit mal wieder gedacht: „Mit dem könntest du reisen.“ Ich habe es ihm auch gesagt und bin nachträglich erschrocken, denn aus meinem Mund gleicht das einem Geständnis. DAS wurde mir aber auch erst hier auf dieser Reise bewusst. Denn die Momente, in denen ich sehr froh bin, allein zu sein, überwiegen.

Grenzgänger in eigener Sache
Ich kann stundenlang bei 32 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit durch die lärmende Stadt latschen, weil ich mir das nun mal so am Morgen überlegt hatte – ohne zu bedenken, dass man nach drei Häuserecken schon komplett verschwitzt und verklebt ist. Ich darf also ohne Absprache irre sein, muss niemanden überzeugen, mitziehen oder auf etwas verzichten. Ich nerve niemanden in seinem lang verdienten Urlaub und niemand nervt mich. Außer ich mich selbst. Das ist unter Umständen zwar die deutlich schlimmere Alternative, aber da muss ich allein drunter leiden.

Sicherlich, ich hätte mich auch einer Gruppenreise anschließen können. Dann wäre alles organisiert gewesen, jeden Tag hätte ein Guide gesagt, was wir wann, wo und wie lange angucken und essen. Aber mir ist der gemeinsame Nenner in Gruppenkonstellationen selten groß genug, als dass ich damit zufrieden wäre. Und auf meiner Reise werde ich immer wieder kurzzeitig Teil einer Gruppe, für ein paar Stunden oder einen Tag, um eine Bootstour zu machen, tauchen zu gehen oder mich Wasserfälle herunter zu stürzen.

Ich lote gern meine Grenzen aus und bewege mich gern jenseits meiner Komfortzone. Das passiert täglich in vielen kleinen Situationen: den Weg suchen, mit dem Markthändler feilschen, allein die Straße zu überqueren (ja, das kann sehr todesmutig sein, wenn man in der richtigen Stadt ist), an einer Straßenecke essen, auch wenn die drei Plastiktische kein Tripadvisor-Rating haben und Mama beim Anblick der Situation rund um die Kochtöpfe Herpes bekommen würde.

Allein kann man sich aus diesen Situationen nicht rausmogeln, den anderen vorschicken oder zumindest zu zweit mit geschwellter Brust dem Taxifahrer gegenübertreten und ihm klar zu verstehen geben, dass man nicht gewillt ist, den dreifachen Einheimischen-Preis zu zahlen.

Wlan als Partnerersatz
Das Sich-Überwinden ist der Preis. Was man dafür bekommt, sind mehr unmittelbare Erlebnisse, weil man ständig zu vielen neuen Menschen in Kontakt tritt. Paare haben sich. Das ist im Zweifel mehr als genug. Wenn der Rest der Ausflugsgruppe blöd ist, muss man mit niemandem reden, außer mit dem/der Mann/Frau neben sich. Wenn man Momente teilen will, sei es der schöne Sonnenuntergang, das hervorragende Abendessen, die dreistündige Suche nach einem schönen Bungalow auf der neuen Insel – dann ist immer schon jemand da, der vertraut ist, dem man sich auch in schwierigen Situationen öffnen kann. Das hat man als Alleinreisender nicht. Aber dafür wurden soziale Medien erfunden. Das ist der ab und an mal fehlende Link nach Hause. Paare loggen sich bestimmt nicht in jedem Restaurant und an jeder Smoothie-Bar am abgelegenen Traumstand ins Wlan ein. Singles müssen sich ab und an versichern, dass da irgendwo noch jemand auf sie wartet oder ihnen zuhört, auch wenn der- oder diejenige in einer anderen Zeitzone lebt.

Nur weil ich gern allein bin und so die Reise beginne, heißt es nicht, dass ich während der gesamten Zeit allein bleibe. Im Gegenteil. Man müsste sich schon extrem anstrengen, keine Menschen zu treffen. Nicht immer sind es die Freunde fürs Leben, manchmal nur für einen Ausflug, einen Abend, ein paar Tipps für die Weiterreise beim Kaffee, ohne Namen, E-Mail-Adressen oder Facebook-Kontakte ausgetauscht zu haben. Die Geschichten, Namen und Gesichter bleiben jedoch. Und von denen hat man als Alleinreisender mehr – da man offen, zugänglicher, aufgeschlossener ist.

Nackenkissen statt starker Schulter
„Warum reist du allein?“ Auch diese Frage wurde mir hier sehr oft gestellt. In Deutschland wurde selten nach dem „Warum“ gefragt, da kam nur „Wie? Ganz allein?“ oder „Wow, mutig!“ Dabei ist es nicht besonders mutig, weil es gefährlich werden könnte, sondern weil man mit sich allein ist – und das kann man manchmal ganz schön anstrengend sein. Man wird häufiger als im Alltag daran erinnert, dass etwas zu fehlen scheint.

Ich bin offenkundig in einem absoluten Pärchenreiseland gelandet oder reise so, wie sonst nur Paare, zumindest lerne ich fast nur Paare kennen. Ein paar Paare und ich – das ist das Bild dieses Urlaubs. Auf einer Bootsfahrt waren die Tische so eingedeckt, dass immer an einem eine ungerade Zahl Teller stand. Mein Tisch, auch ohne Namensschildchen bestens zu erkennen. Vielleicht hätte ich mir noch einen lustigen Singlehut aufsetzen sollen. Obwohl ich allein komme, zahle ich mehr als ein Teil eines Paare. Von den Doppelliegen am Strand bleibt die neben mir stets frei. Ich kann mich im Flugzeug nicht an eine Schulter anlehnen, sondern puste mein Nackenkissen auf. Und dann gibt es sie einfach, diese Situationen, an denen ich auch jemanden neben mir am Strand sitzen haben möchte. Nicht irgendjemanden, um jemanden zu haben, sondern einen bestimmten. Dann kommt sie auch bei mir, die Frage nach dem „Warum“.

Mein vermasseltes asiatisches Date
Diese Frage wird mir hier sehr direkt gestellt, zum Beispiel von Ken. Das ist nicht sein richtiger Name, aber die nicht-asiatischen Gäste im Hostel würden sich sonst die Zunge brechen. Ken ist der Manager des Hostels und er fragte mich am Morgen, ob er mir abends ein paar Bars zeigen soll, in die die Einheimischen gehen.

Jetzt sitzen wir in einer. Sie ist nur von Kerzen beleuchtet. Ein alter Barmann mixt sehr langsam Cocktails, aus der Jukebox kommen amerikanische 60er-Jahre Hits, und wir spielen „Vier gewinnt“. Ken lässt mich gewinnen. Und mittlerweile habe selbst ich gemerkt, dass es clever war, noch drei Neu-Bekannte von meinem Tagesausflug mitgenommen zu haben. Sonst hätte ich hier ein Date.

„Warum hast du keine Kinder?“, fragt Ken nach dem dritten Spiel. In Deutschland würde ich die Frage als indiskret betrachten und nicht beantworten. Hier, wo Frauen, wenn sie mit 23, 24 noch nicht verheiratet sind, schon als schwer vermittelbar gelten, fühle ich mich zu einer Erklärung verpflichtet. Nur … ich kann es nicht erklären. „Ich suche niemanden, habe auch ohne Partner ein gutes, ausgefülltes, vollkommenes Leben“ – das klingt hier, wo die Familie das Wichtigste, die Lebensversicherung und Basis ist, absurd.

„Warum hast du keinen Mann?“
„Ich weiß nicht, hat sich nie ergeben.“
„Dabei bist du so herzlich, siehst so gut aus. Und dein Lachen.“
„Danke, das ist lieb, aber ich glaub, darum geht es gar nicht.“
„Worum dann?“

Na, das fragt er die Richtige. Ich schiebe die roten und gelben Spielplättchen über den Tresen, bestelle eine Runde Sambuca für alle und vertage die Antwort auf den Morgen. Ken verspricht mir, noch vor meiner frühen Weiterfahrt Frühstück zu besorgen.

Ich steige ohne Frühstück in den Bus und bin froh, keine Antwort geben zu müssen.

Der Singlefrau kann man auf Twitter und auf Facebook folgen.

Das Buch: Singlefrau, „Mein Bett ist halbvoll“, 288 Seiten, Knaur Taschenbuch, 12,99 Euro