Seit zweieinhalb Jahren schreibt die Singlefrau eine Kolumne über das Leben einer Mitt-Dreißigerin ohne Partner und Kinder. Jetzt ist ihre Geschichte auserzählt.




Ich sitze vor einem Tempel in Asien. Das Rauschen des Stadtverkehrs ist nur noch ein Hintergrundbrummen. Nach zwei Wochen nehme ich diesen Lärm kaum noch wahr. Tränen laufen mir über die Wange. Ich weiß nicht, was es ist: Selbstmitleid, Rührung, Einsamkeit. Vermutlich ein Mix aus allen drei Emotionen, die ich in den vergangenen Monaten so selten spürte. Drei Mal bin ich um den Block gelaufen, um diesen Ort zu finden. Beeindruckend soll er sein, sagte der Reiseführer. Liebende bitten dort um ihr Glück, sagte mein Bed-and-Breakfast-Gastgeber. Ich bin weder religiös noch spirituell, aber etwas bewegt mich hier bis ins Mark.


Eben stand ich im Inneren, die Weihrauchschwaden nebelten mich ein, ich bewunderte fasziniert die Statuen, verfolgte die Bewegungen der Gläubigen und versuchte, die Riten nachzuvollziehen. Dabei kullerten die ersten Tränen. Eine Frau kam auf mich zu, ein Beutel mit Obst in der Hand, hakte mich ein und führte mich aus dem Tempel. Bis zu einem Teich, der mehr Schildkröten als Wasser enthält. Sie sagte nichts, lächelte nur aufmunternd. Sie begann, das Obst in Stücke zu schneiden und in den Teich zu werfen. Unter den Tieren brach Getümmel aus. Die Schildkröten schwammen übereinander, krabbelten aufeinander, rutschten ab, plumpsten ins Wasser. Ich musste lachen. Und da lachte auch die Schildkrötenfütterin.


Angst vor der Liebe
Jetzt, vor dem Tempel, übermannt mich die Leere. Ich kann niemandem um Liebesglück bitten. Erstens glaube ich nicht an Götter, zweitens liebe ich nicht. Dieser Gedanke schmerzt plötzlich. Jahrelang wollte ich nicht lieben, habe mich gewehrt und gesträubt, wollte niemanden an meiner Seite. Ich merke, dass sich das ändert. Und das macht mir Angst. Aber irgendwann – so viel mute ich mir jetzt selbst zu – soll und wird es jemanden geben, der sich traut, der keine Angst vor mir hat, weil ich vermeintlich so stark bin, der mich aushält und der es aushält, wenn auch ich mal eine Schulter brauche, die stärker ist als meine.



Ich habe diese Kolumne vor knapp zweieinhalb Jahren angefangen. Damals war ich das erste Mal seit meiner Trennung von meinem Ex verknallt, vermeintlich verknallt. Ich bin mir da nicht mehr so sicher. Zumindest war ich enttäuscht, traurig und wütend, weil ich mich wieder ein klein wenig aus der Deckung herausgewagt hatte, es komplett scheiterte und ich an mir mehr zweifelte als je zuvor. Mit etwas Abstand betrachtet war es ein Glücksfall, sonst wären wohl nie Kolumne und Buch entstanden. Alles passiert aus einem bestimmten Grund.



Fortan richtete ich mich in meinem Singleleben ein. Ich liebte es, für mich gab es keine Alternative. Ich konnte alle Entscheidungen allein fällen, musste keine Rücksicht nehmen, fühlte mich frei und stark. Natürlich gab es schlechte Tage, miese Phasen, wie in jedem Leben. Und diese Kolumne hier war ein schönes Ventil. Alles war erklärbar, jedes Tinder-Date war eine Recherche, jeder Flirt eine mögliche Geschichte. Während ich im Herbst 2015 das Buch schrieb, dachte ich viel über das Leben als Single nach. Es war noch immer das richtige für mich.



Abschied vom Ex

Ein Treffen in diesem Sommer brachte mich auf andere Ideen. Ich traf zum ersten Mal die neue Freundin meines Ex-Freundes. Es war ein schmerzhaftes, aber heilsames Treffen. Auch wenn ich diejenige war, die die Trennung damals vorantrieb, war ich diejenige, die am längsten damit haderte. Jetzt endlich, nach vier Jahren, konnte ich damit abschließen. Nachdem ich nach dem Desaster mit dem Mann mit Hut mich einige Monate eingeigelt hatte, spürte ich wieder Lust auf Dates, Flirts, Nähe, Sex und lud mir eine Dating-App aufs Smartphone. 

Ich genoss die Aufmerksamkeit, die sexuelle Aufgeregtheit, die sich zwischen Fremden mit Worten entspann. Mit wenigen schrieb ich länger, erlebte kleinere Enttäuschungen, ließ mich verwirren und hatte ein einziges Date. Es tauchte in keiner meiner Kolumnen auf, ich wollte nicht über diesen Menschen schreiben. Ich konnte lange nicht benennen warum. Er bedeutete wohl mehr als alle anderen für mich. Dabei wollte ich doch nur Spaß, Ablenkung vom Alltag, Nähe, Sex. Keine Verbindlichkeiten, keine Verantwortung. So verhielt ich mich auch, selbst wenn ich anders empfand. Manche Leser ahnten jedoch etwas.



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Ich fremdel mit der Singlefrau

Seit Herbst fremdel ich also mit mir – und mit meinem Pseudonym. Das Schreiben fällt mir schwer, ich finde meine Texte öde und langweile mich selbst. Ich habe das Gefühl, dass ich mich im Kreis drehe, auf der Stelle trete, aber eigentlich weiter möchte.

Dass ich in den vergangenen Wochen anderes empfinden hätte können, wenn ich es zugelassen hätte, wird mir gerade hier, vor diesem Tempel, klar. Vor allem: Dass ich wieder etwas wagen möchte, bereit bin, Gefühle zuzulassen und es mir vorstellen kann, wieder jemanden in mein Leben zu lassen. Ich will wieder lieben. Und geliebt werden. Nicht jetzt, nicht gleich, nicht unter allen Umständen.



War das Singlefrau-Leben ein Fehler? 
Mir laufen wohl auch die Tränen, weil ich Angst habe, dass ich die letzten vier Jahre negieren muss, dass die überzeugte Singlefrau nur eine Fassade war. Diesen Gedanken kann erst ein paar Tage später eine Freundin stoppen. „Nein, die Zeit war wichtig und alles richtig. Du brauchtest das genau so wie es war.“

 Sie hat recht, wie Juli immer recht hat. Ich möchte keinen Liebhaber, keine Erfahrung, keine stillen Stunden missen. Und es dreht sich auch nicht alles ins komplette Gegenteil, es geht nur einfach weiter. Das bedeutet nicht, dass die Vergangenheit ungültig oder irrelevant wird. Und wenn mein Leben so bleibt – ohne Partner und ohne Kinder – ist es weiterhin ein gutes und vollständiges. Aber ich werde mich nicht mehr dagegen wehren, dass es sich ändern kann.


Ein Urlaub ohne Flirts

Nur in diesem Urlaub ändert sich offensichtlich nichts. Jetzt, wo ich doch bereit wäre. Auf jeder meiner Reisen habe ich bisher Männer kennengelernt, geknutscht, Urlaubssex gehabt, Grundlage für kleine Dramen und größeren Liebeskummer gelegt. Diesmal bleibt das aus. Dieser Urlaub ist wohl nicht dazu da, noch mehr Kurzzeit-Männer in mein Leben zu lassen.

 Ich wische mir mit dem Handrücken die Tränen weg, setzte die Sonnenbrille auf, tauche wieder ein ins Großstadtgetümmel, gehe zurück zur Unterkunft, schultere meinen Rucksack und bestelle ein Taxi zum Flughafen – ab zum nächsten Ort. Ich blicke aus dem Fenster und hänge meinen Gedanken nach. Der Taxifahrer blickt in den Rückspiegel, lächelt und sagt: „Don’t be sad. It’s not over till it’s over.“ Ich lächle zurück. Er hat recht, es geht weiter – diese Reise, das Singleleben. Nur für diese Kolumne gilt jetzt: It’s over.




Sollte ich doch nicht ganz davon loskommen, wird man mich hier und hier finden.



Vielleicht geht es irgendwann mal hier weiter:

 http://diesinglefrau.com

Und weiterhin im Buchhandel eures Vertrauens: Singlefrau, „Mein Bett ist halbvoll“, 288 Seiten, Knaur Taschenbuch, 12,99 Euro