Irgendwann kommen wir immer an diesen Punkt. Meine Mutter und ich. In jedem Telefonat, in jedem Gespräch. Mal nach fünf Minuten, mal nach einer Dreiviertelstunde. Egal, ob wir gerade auf einer Beerdigung stehen oder unterm Weihnachtsbaum sitzen. Ohne Rücksicht auf meine aktuelle Gemütslage kommt der Seitenhieb, der manchmal wie ein Schlag in die Magengrube donnert.

Es ist die Frage nach meinem Beziehungsstatus. Dabei kennt ihn meine Mutter: Single. Seit fast zwei Jahren. Schlimm? Auf gar keinen Fall! Ab und an etwas bedauerlich, aber zumeist ziemlich großartig. Ich bin Mitte 30, erfreue mich bester Gesundheit, leide nicht an Vereinsamung, und ich verdiene genug Geld für Bio-Gemüse, Cocktails in Bars mit Aussicht und drei Paar Schuhe im Monat. Das ist meine Perspektive. Die meiner Mutter ist eine andere.

„Deine Schulfreundin hat auch schon …“
„Und was gibt es Neues bei euch?“, frage ich, nachdem ich zehn, 15 Minuten vom letzten Wochenend-Städtetrip mit Freunden und den neusten Entwicklungen in der Firma erzählt habe.
„Deine Schulfreundin Sandra ist schwanger“, antwortet meine Mutter. Ich verdrehe die Augen. Ich hätte nach dem Wetter fragen sollen. Nach dem Abitur habe ich Sandra exakt einmal getroffen, nach zehn Jahren auf einer Party. Sie interessiert mich nicht. Dass sie Sex hat, will ich mir nicht vorstellen. Dass es jemand mit ihr Tag und Nacht aushält, kann ich mir nicht vorstellen. Mit pampigem Desinteresse sage ich: „Ja. Und?“

„Mama, egal, wer sich aus meinem oder deinem Bekanntenkreis oder in unserer Verwandtschaft verliebt oder verlobt – ich werde mir nicht den Erstbesten schnappen und es ihnen gleichtun.“ Für sie reicht ein kurzer Kuss-Konto-Cross-Check und dann kann es losgehen mit der Beziehungsanbahnung.
„Aber du bist jetzt schon fast zwei Jahre allein.“
„Mama, ich habe seit zwei Jahren keinen festen Partner. Allein oder einsam bin ich deswegen noch lange nicht.“
„Ach, du weißt, wie ich das meine.“

Leider weiß ich es zu gut. Meine Mutter, knapp über 60, kann sich ein Leben ohne Partner nicht vorstellen. Sie hat mit Anfang 20 meinen Vater geheiratet.

„Weil es dazu gehört“
„Mama, erklär mir doch mal, wozu ich einen Kerl brauche. Ich verdiene genug Geld. Meinen Müll kann ich allein rausbringen. Niemand wartet auf mich, und ich muss auf niemanden warten. Wenn ich beim Anbringen der Gardinenstange scheitere, rufe ich eine Freundin an. Ich kann drei Tage lang Risotto kochen und essen, mir meine Urlaubsziele allein aussuchen und reg mich nicht über umherfliegende Socken auf, weil es ja meine sind.“

„Aber es gehört doch irgendwie dazu.“
„Zu meinem Leben eben derzeit nicht.“
„Aber du hattest doch schon Beziehungen und das war doch gar nicht so schlecht.“

Ja, da hat sie Recht. Drei, jeweils sehr lange Beziehungen hatte ich bisher. Dazwischen genug an Dramen und Affären, Bekanntschaften und Verknalltheiten.

„Versuch es doch mal mit Online-Dating“
„Du solltest dich mal bei so einer Single-Seite anmelden. Das macht man doch heute alles im Internet.“
„Ja, das kann man machen, wenn man denn sucht. Ich suche aber nicht, Mama!“

„Aber so scheint es ja nicht zu klappen. Warum nur? Die Stadt ist doch voll mit Männern.“ In diesem Stadium ist es echte Ratlosigkeit. Es ist ja nicht so, dass ich mich das nicht auch manchmal frage … Aber bevor ich ihr das sage, schweige ich lieber. Und schließlich sind Mütter weise, und wissen immer Rat, auch ungefragten.

„Kind, du musst deine Ansprüche herunterschrauben. Du willst zu viel.“

„Mama, wie stellst du dir das denn vor? Denkst du, hier steht ne Schlange Jungs vor der Tür und ich schicke sie alle weg, weil sie den Anforderungen nicht genügen? Es ist noch nicht mal jemand vorstellig geworden, an dem ich meine Ansprüche hätte testen können.“

„So jung bist du ja auch nicht mehr“
„Was ist denn mit dem von neulich? Das lief doch so gut an.“ Ich sollte weniger plaudern …
„Hab ich dir doch erzählt, ich hab mich im Gefühlschaos verheddert.“
„Warum machst du es dir so schwer?“
„Meinst du dich oder mich?“
„Auf jeden Fall, musst du dich beeilen. Mit 40 ist das nicht mehr so leicht. Da kannst du nicht mehr weggehen und dir einfach jemanden mit nach Hause nehmen.“
„Oh, geht das dann nicht mehr? Hat mir noch keiner gesagt. Hoffentlich fragt keiner nach meinem Ausweis.“ Ich bin sauer. Muss aber lachen.
„Mama, ich hab dein jugendliches Aussehen geerbt. Bei mir geht das bis 45, mindestens.“

So kommen wir nicht weiter. Aber beim nächsten Telefonat erreichen wir wieder genau diesen Punkt.