Es ist Frühling, die Menschen um mich herum sehen gut und glücklich aus – und ich habe Flirthemmungen. Was ist denn nur los?

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Gucken geht, begeistert sein auch, ab und an auch mal ein offensives Anlächeln, aber ansprechen, diesen Flirtvorgang mal in Angriff nehmen – derzeit irgendwie unmöglich. Ich weiß nicht genau, warum. Still und schüchtern – das kenne ich nicht von mir. Aber momentan stehe ich mir selbst im Weg. Auch wenn das Flirtziel nur ein Sitznachbar im Zug und nicht ein langverfolgter Schwarm oder der potentielle Vater meiner Kinder ist. Ach ja, Kinder will ich ja gar nicht. Aber ich wollte in diesem Frühjahr flirten. Zumindest hatte ich mir das so überlegt, als der Winter noch andauerte. Wäre doch mal wieder ganz schön: flirten, daten, kribbeln in der Magengegend.

Womöglich ist das schon die erste Hürde: Ich weiß was ich will.

Ungefährt so einen:

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Jetzt ist sie völlig durchgedreht! Er ist ein Model und er sieht gut aus … Ich kenne ihn nicht und würden wir im gleichen Fitnessstudio Hanteln stemmen, er würde mich nur bemerken, wenn ich ihm eine Acht-Kilo-Hantel auf den Fuß schmeiße. Schon klar. Aber das ist nun mal der Typ Mann, dem ich derzeit hinterher gucke. Die Stadt ist voll von Männern mit Bart, langen Haaren, am liebsten zu einem Bun zusammengedreht. Ja, ja, werte Kritiker, ich weiß, es kommt auf die inneren Werte an, und ich bin mal wieder unfassbar oberflächlich. Aber wo die Aufmerksamkeit nun mal hin fällt … Ob unter dem Männer-Dutt auch was Cleveres und Charmantes steckt, merkt man erst im Gespräch. Tatsächlich halte ich es für viel wahrscheinlicher, dass mein nächstes Date kurze Haare hat, glattrasiert ist und über den Bauchmuskeln ein Bäuchlein trägt. Schließlich kommt ja immer alles anders als man denkt.

Aber – zweitens – gibt es auch eine Hürde bei den inneren Werten. Denn auch dort entwickelte ich im Laufe der vergangenen Jahre einige Vorstellungen – bezüglich Interessen, Sportaktivitäten, Lieblingsurlaubsort, kulinarische Favoriten. Mit Anfang 20 war es mir egal, dass mein damaliger Freund jeden Urlaub in Skandinavien verbringen wollte. Mittlerweile würde mich so viel Einfallslosigkeit langweiligen. Aber klar – wenn ich mich verknalle, fahre ich auch jeden Sommer nach Garmisch-Partenkirchen.

So, ich weiß, was ich will. Innen sowie außen. Was es nicht leichter macht, drittens: Auch das Gegenüber befindet sich in einem Alter, in dem es weiß was er will. Und finde jetzt mal eine Schnittmenge! Der Kreis wird immer kleiner, wenn alle Mitt-Dreißiger-Singles mit ihren Auswahlkritierien losziehen. Aber das Schubladendenken – so viel haben wir in den vergangenen Jahren gelernt – macht das Leben einfacher. Allerdings verpasst man dadurch einige interessante Menschen. Mit einem Opern-Enthusiasten oder Südkurven-Steher hätte ich im ersten Augenblick nur wenig Gemeinsamkeiten, aber es könnten durchaus unterhaltsame Abende werden.

Vierte Hürde: Mit Mitte 30 haben wir alle unsere Päckchen zu tragen. Hinter uns liegt die erste Liebe, vielleicht sogar die erste Ehe, womöglich gibt es bereits Nachwuchs. Erfahrungen und Enttäuschungen sind in jedem Fall vorhanden. Mitte 20 stürzte ich mich unbedacht und abenteuerlustig in die Samstagnacht, knutschte hier, verknallte mich da. Wenn er sich nicht mehr meldete, tja, war das Drama erst groß, aber der nächste Samstag – und Typ – kommt schon. Diese Unbeschwertheit ist weg. Zu häufig habe ich auf Telefone gestarrt und Tränen getrocknet. Bevor geknutscht wird, wird gedacht, egal wie viele Bier schon getrunken sind. Und denken ernüchtert schlagartig.

Fünftens: Nicht ganz aus den Augen zu verlieren wäre das fortgeschrittene Alter: Gerade Frauen wird spätestens ab Anfang 30 Torschlusspanik unterstellt. Sie suchen einen Vater für ihre Kinder, wollen eine Familie gründen und sesshaft werden. Da kann Madame auch noch so sehr leugnen und abwiegeln – der Mann wird immer fürchten, dass er in die nächste Besenkammer gezogen wird. Apropos Alter – eine durchtanzte Nacht stecke ich auch nicht mehr so weg wie mit 20. Schon wieder die hochhackigen Schuhe? Wie die Party geht erst um 23 Uhr los? Sofaabende sind auch nicht zu unterschätzen.

Um mich herum sind viele Männer in festen oder gar sehr festen Händen. Das ist nunmal in unserem Alter so, attestieren die Freundinnen. Deswegen ist – sechstens – der Blick in die Augen eher der zweite. Der erste geht auf die Hände. Sehe ich einen Ring? Und wenn ja, wie war das noch gleich: Links heißt verheiratet? Oder war es rechts? Hm, im Zweifelsfall – Finger davon lassen.

Siebte Hürde: das schiere Überangebot. Vor allem in der Stadt scheinen die Möglichkeiten unerschöpflich, auch wenn ein Großteil der Flirtbeute schon einen Ring am Finger trägt. Auf Konzerten, am Tresen, in der U-Bahn – ständig neue, agile, interessante Menschen um mich herum. Und wenn die Realität nicht reicht, dann stürzt man sich ins Digitale zu Tinder & Co. Da muss man sich nicht festlegen und ist dennoch nie allein, lautet die trügerische Botschaft. Leider weiß meine Mutter es besser: „Kind, irgendwann ist das vorbei mit der Attraktivität.“

Und deswegen will man nicht mehr jeden daten, achte Hürde. Gründe dafür sind die Punkte eins bis drei. Zudem will ich meine kostbare Zeit nicht auf langweiligen Dates verschwenden. Das kann man im Vorfeld natürlich nie wissen, aber ich gehe deutlich selektiver vor als noch vor zehn Jahren. Nicht, dass die Kerle Schlange stehen würden. Aber nachdem ich ein mal einen „netten Abend“ mit einem Menschen verbracht habe und wir uns beim zweiten Bier schon unfassbar gelangweilt haben, bin ich lieber allein zu Haus. Genug zu tun ist dort immer, notfalls die Bügelwäsche. Dates sind mit Mitte 30 mehr als ein Zeitvertreib. Sie haben entweder das konkrete Ziel Sex (mal für eine Nacht, mal für mehrere) oder die Chance „Gefühle und Sex“ wird von Anfang an als nicht allzu gering eingeschätzt. Kein Wunder, dass ich so wenige habe …

Und neuntens: Man begeistert nicht nur – vielmehr nicht mehr – mit dem Äußeren. Machen wir uns nichts vor: Der äußerliche Verfall ist nicht mehr wegzuschminken – Falten, graue Haare, hier oder da ein Pfund zu viel auf den Hüften. Anstatt eines Selfies verschickt man in meinem Alter dann doch lieber ein Foto von seinem Selbstgekochten.

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Nur eine Sache ist nach all den Jahren Flirterfahrung unverändert: Der erste Schritt. Er wird einfach nicht leichter.

Egal wie viele geglückte Dates und erste Schritte man erlebt hat und weiß, dass ein Korb nicht lange peinlich ist, die Hemmschwelle sinkt einfach nicht. Im Gegenteil – meine wird eher größer. Warum? Siehe Punkt eins bis neun.