Ich hatte noch keine zwei Schlucke Kaffee genommen, als mir heute Morgen mein Exotenstatus aufs Frühstücksbrot geschmiert wurde. Die erste Mail des Arbeitstages begann mit „Liebe Frau Müller-Meyer-Schulze, liebe Herren“. Es ging um eine Abstimmungsrunde mit der Geschäftsführung für ein großes Projekt im kleinen Kreis. Und ich war – mal wieder – die einzige weibliche Adressatin neben einem halben Dutzend Männer. Mittlerweile verziehe ich nur noch einen Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen.
Als ich neu in meiner jetzigen Position war, ließ ich mich von dieser Sonderansprache gelegentlich irritieren. Klar, es ist keineswegs böse gemeint, ganz im Gegenteil, aber es betont im Alltag, das Frauen in vielen Unternehmen doch eher eine Ausnahmeerscheinung in den Chefetagen sind. Keine wirklich bahnbrechende Erkenntnis, wenn sich auch ein Jahr nach Start der Frauenquote für Vorstände in Dax-Unternehmen einige Firmen die aberwitzige Zielgröße „null“ gesetzt haben. Welche Herren haben da eigentlich das kleine Einmaleins nicht kapiert?

Besonders amüsant bis vollkommen absurd wird es, wenn die Chefin Single ist – sechs Situationen, die Frauen in Führungspositionen passieren, wenn sie keinen Ehering tragen.

Der Status

Kurioserweise ist der Fakt, dass ich Single bin, überhaupt Thema. Als ich vor einigen Monaten meinen neuen Job begann, wurde ich von mehreren Mitarbeitern und Kollegen gefragt: „Und was sagt dein Mann dazu, dass du jetzt so weit weg wohnst?“, „Zieht dein Freund jetzt auch um?“, „Was macht Ihr Partner beruflich?“ Das Bekenntnis, dass ich Single bin, führte zu schockierten bis mitleidsvollen Blicken, gepaart mit Sprachlosigkeit, so als ob ein wunder Punkt getroffen wurde. Ich lächelte brav mein Gegenüber an und erklärte, dass das schon ‚okay‘ und kein Drama sei, im Gegenteil. Aber vermutete häufig auf der anderen Seite die unausgesprochene Frage: Was stimmt denn mit der nicht?

Das Online-Dating

Eins war mir schon vor dem Umzug in die neue Stadt klar: Tinder und Co sind hier keine Option für mich. Zu hoch ist das Risiko, dass ich beim Links- und Rechts-Swipen einem Mitarbeiter virtuell begegne – beziehungsweise ein Kollege mich sieht. Wenn man bei Bekannten noch denken kann: „Ach, du auch hier“ muss ich einen Kollegen, der mir zwei Tage später in der Gehaltsverhandlung gegenüber sitzt, nicht bei der mehr oder weniger ernst gemeinten Partnersuche treffen.

Die Dates in der Stadt

Was virtuell eine unschöne Vorstellung ist, wird im realen Leben nicht viel entspannter. Kürzlich ließ mich eine Freundin in einer Bar stehen. Sie wollte nach Hause, ich noch einen Drink nehmen. Ich hatte mir gerade überlegt, dass ich die Flirtlage jetzt mal aktiv anteste, als neben mir eine Mitarbeiterin auftauchte. „Hallo, das ist ja witzig, dass wir uns hier treffen.“ Ich nahm es mit Humor, wippte mit dem Fuß anstatt die Tanzfläche zu entern und sprach über Jobthemen am frühen Samstagmorgen. Das Thema flirten war abrupt beendet.

Distanzlosigkeit der Kollegen

Kürzlich feierte ein Mitarbeiter Abschied. Nach Feierabend stand man zusammen, trank einen Sekt, ein Bier, knabberte an Salzstangen. Das Mittagessen in der Kantine war lange her, der Alkohol schlug sofort durch, die Stimmung war innerhalb weniger Minuten locker und gelöst. Nach dem zweiten Bier legte mein Chef seinen Arm um mich. Es war nicht übergriffig, sondern nur die Geste zum väterlichen Ausspruch „Sie machen das echt klasse“. Ein Mann wäre mit einem Schulterklopfer oder freundlichem Ellbogencheck bedacht worden. An einen Mann wagt sich ein anderer Mann nicht so nah ran.

Flirtfaktor Chefin

Dass ich noch „zu haben“ bin, scheint eine nicht unerhebliche Anziehung auf den ein oder anderen Kollegen auszuüben. Zwar sind viele von ihnen vergeben, gar verheiratet, aber so ein bisschen flirten am Arbeitsplatz ist immer eine Option. Ein Mitarbeiter dreht das Spiel jedoch zu weit. Alle paar Wochen lässt er mich, meist nicht mehr ganz nüchtern, wissen, dass ich ihn sehr reizen würde. Das liegt sicherlich nicht nur daran, dass ich Single und ein paar Jahre älter bin. „Es ist nicht leicht, wenn man eine so attraktive Chefin hat“, rutschte ihm neulich raus. Zugegeben – wenn wir uns nicht im Büro, sondern in einer Bar begegnet wären, hätte ich es nicht beim Augenkontakt gelassen. So reiße ich mich zusammen und haue ihm verbal auf die Finger: „Erstens bin ich deine Chefin und damit tabu, zweitens ist die Frau auf deinem Whatsapp-Bild bestimmt nicht deine Schwester.“ Seitdem herrscht Ruhe an der Front.

Kleider machen Chefin

„Endlich mal jemand hier, der einen guten Geschmack hat“, flötete mir neulich ein Kollege auf dem Gang entgegen. Das Kompliment nahm ich dankend an. Er ist schwul und über jeden Verdacht erhaben. Tatsächlich kleide ich mich anders, seitdem ich in die Chefetage aufgestiegen bin. Und zwar deutlich weiblicher. Vielen Frauen, die sich nach oben durchgekämpft haben, sagt man ein männliches Verhalten nach. Das vermag ich an mir selbst nicht zu beurteilen, zumindest nach außen hin wirke ich weiblicher denn je. Meistens trage ich Kleid oder Rock, wenn ich mal eine Hose anziehe, wird das sofort bemerkt. Die Sneakers tausche ich im Büro immer gegen Stöckelschuhe und ohne Nagellack gehe ich selten aus dem Haus. Wenn schon allein unter Männern, dann wenigstens mit den Waffen einer Frau.