Ja, sie hatte sich über mangelnde Nähe beklagt. Aber was der Singlefrau auf dem Dating-Portal C-Date geboten wird, ist dann doch des Guten zu viel.

Kürzlich hatte ich ein bisschen über zu wenig Nähe gejammert. Diesen Mangel merze ich in der Regel durch eine Massage oder mithilfe meines Sexspielzeugs aus. Ein Leser empfahl mir einen Salsa-Kurs, eine Leserin die Dating-Plattform C-Date, von der ich bis dato noch nichts gehört hatte. Meine Erfahrungen mit Tinder und Okcupid liegen schon ein Weilchen zurück, waren aber eher „geht so“ bis mies, bis auf einen rühmlichen Zufallstreffer, sodass ich dieser Art der Flirt-Sex-Affären-Partnersuche eigentlich abgeschworen hatte. Eigentlich. Vergangenen Samstagabend ließ sich dann auf die Schnelle kein Salsa-Kurs finden, sodass ich doch zum Smartphone griff, mir die App runterlud und mich anmeldete.

Fetisch, flotter Dreier, heiße Affäre

C-Date steht für „Casual Dating“ – hier wird also gar nicht erst so getan, als ob man jemanden zum Biertrinken oder für einen Museumsgang sucht. Daher ist es nur konsequent, dass man lediglich ein paar Äußerlichkeiten zu Protokoll geben darf, die sexuellen Vorlieben vorgeschlagen werden (flotter Dreier, Fetisch, Soft-Bondage) und die Art der Beziehung ebenfalls klar definiert werden kann (unverbindlicher Flirt, erotische Auszeit vom Alltag, sinnliches Abenteuer).

Wenn diese paar Klicks getan sind, passiert (bei Frauen) mit ziemlicher Sicherheit folgendes:

Noch bevor du die wenigen Funktionen der App ausprobiert hast, hast du bereits fünf Anfragen im Postfach.
Und du so: Läuft bei mir!

Du hast noch kein einziges Foto hochgeladen, das zunächst ohnehin nur verschwommen angezeigt wird, aber es gibt schon drei Männer, die sagen, was für wunderschöne Augen du hast.
Und du so: Yes! Yes! Yes!

Du bekommst ein Dutzend Nachrichten, die nur aus „Hallo“, „Hi“, „Hallöchen“ oder „Huhu“ bestehen.
Und du so: Ihr macht hier aber auch nur den Grüß-Onkel!

Manch einer wird auf diesen klassischen Gesprächsauftakt verzichten und ganz unverblümt zur Sache kommen: „Lust auf einen Morgen-Fick?“, „Ist deine Muschi schon feucht?“, „Meine Freundin und ich wollen dich für einen Dreier.“
Und du so: Ich will es ja auch, aber können wir nicht anstandshalber drei unversaute Worte vorher wechseln? Nur so fürs gute Gefühl?!

Andere hingegen schreiben Romane, mal Lebensläufe, mal Soft-Porno-Romanvorlagen, angereichert mit Smileys und Emoticons.
Und du so: Das Leben ist vielleicht doch ein Bilderbuch?!

Manche schicken statt Anrede auch nur die voreingestellte Bilder-Anfrage: „Hallo, ich bin neugierig und würde gern dein Bild sehen.“
Und du so: Danke für die voreingestellte Auswahl der zwei Antworten Ja/Nein. Hmm, welche werde ich wohl klicken …

Du erschrickst, wenn einige das zunächst verschwommene Bild freischalten und schreibst keine einzige Zeile mehr.
Und du so: Schnell wegducken!

Die schiere Flut an Anfragen aus der ganzen Republik überfordert dich. Es wird knallhart aussortiert: zu jung, zu alt, zu weit weg, zu unattraktiv.
Und du so: Wer bleibt jetzt noch übrig?


Klarer Fall von Männerüberschuss?

Die Situation erinnert mich ein bisschen an das Ende einer Party, wenn die alten und frisch gefundenen Paare schon nach Hause gegangen sind und nur die noch übrig sind, die sich für diesen Abend vorgenommen hatten, die Nacht nicht allein zu verbringen. Es herrscht Männerüberschuss (gefühlt, ich kenne keine Statistik). Die Hemmungen fallen. Das Niveau sinkt. Nicht alle geben sich Mühe. Und du willst eigentlich schnell weg, aber irgendwie auch wissen, was passiert, wenn nicht.

Ein guter Teil der Herren ist vergeben und gebunden, laut eigener Aussage. Manch einer behauptet, seine Frau wisse von seinem Hobby. Sie fände es toll, dass er jetzt seine Vorlieben ausleben könne, die sie ihm nicht erfüllen kann.
Und du so: Is klar.

Andere bitten um Diskretion, weil die Ehefrau es nicht wisse, dass er bei C-Date angemeldet ist.
Und du so: So diskret, dass ich dir noch nicht mal antworte.

Alle betonten, wie wahnsinnig gern sie Frauen verwöhnen, bis sie vor Gier, Lust und sonstwas platzen.
Und du so: Schön, dass ihr euch alle hier versammelt habt, seid doch sonst so rar gesät.

Wer nicht seinen Namen verraten will, aber auch nicht die voreingestellte Buchstabenkombination stehen lassen will, gibt sich einen aussagekräftigen Nickname: Tabulos, Loverboy69, Bigdick.
Und du so: Gib mir Tiernamen!

Der Mann, der wie dein Opa aussieht, lässt nicht locker: „Ich verwöhn dich gern.“
Und du so: Ich darf keine Bonbons von fremden Männern annehmen.

Sehr viele Männer sind sehr hartnäckig, wollen immer wieder den Kontakt aufnehmen, obwohl man nicht einmal mit der Wimper gezuckt hat.
Und du so: Bin ich eigentlich die einzige Frau hier?

Sobald du dich einloggst, bekommst du zig Anfragen, 38 Männer haben dein Profil besucht und du hast drei neue Kontaktvorschläge.
Und du so: Es müssen wirklich sehr wenige Frauen hier sein.

Du wirst an einem Abend sehr häufig nach deiner Handynummer oder E-Mail-Adresse gefragt.
Und du so: Oh ja, klar, gerne. NOT!

Einer will dir unbedingt seinen Penis zeigen. Nur auf dem Foto.
Und du so: Nein, diese Bilder!

Mit drei Männer schreibt man so, wie ein guter Flirt in einer Bar anfängt: interessiert, nicht aufdringlich, nicht plump, man quatscht fast beiläufig.
Und du so: Und wie bekommen wir das Virtuelle jetzt ins Reale?

Vielleicht buche ich doch mal einen Salsa-Kurs?